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Tükensturz 1956 - Wie es angefangen hat

 

Fritz trägt einen Seesack. Ich habe einen Hanfstrick um die Brust geschlungen, den mein Vater als Installateur an Werktagen zum Brunnenschlagen braucht. Deshalb ist es auch ein Sonntag, an dem wir unterwegs sind zum Türkensturz.
Nach der Schlacht bei Leobersdorf, 1532, sollen einige erbitterte Bauern hier der Sage nach einen Trupp Türken hinunter geworfen haben. Heute steht auf diesen Felsen eine Ruine. Das ist Schwindel. Sie wurde erbaut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „zum Schmucke der Landschaft und um Arbeitslosen Beschäftigung zu geben“, wie es dazu im Neunkirchner Heimatbuch heißt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben einige Seebensteiner einen Eisenweg durch die höchste Wand am Türkensturz angelegt, den Pittentalersteig. Die jungen Kletterer von damals sind heute Herren in Stellung und Würde, haben andere Sorgen, als ein Bohrloch für eine Eisenklammer in den Fels zu meißeln. Es ist aber doch reizvoll, sich den Herrn Bäckermeister, den Herrn Ökonomierat oder den Herrn Forstverwalter einmal anders vorzustellen: Wie sie in dünnen Seilen hängen, unter Überhängen pendeln, an Platten kleben und dabei schwitzend auf einen Meißel schlagen.
Rechts vom Pittentalersteig hängt über einer rauen Platte ein schwarzes Felsdach. Unter ihm durchschlüpfend und weiter in einer flachen Verschneidung vermuten Fritz und ich eine Anstiegsmöglichkeit. Der Seesack wird geöffnet und zum Vorschein kommt ein Hammer, der sich merklich nach seinem Fensterplatz in der väterlichen Werkstatt sehnt, zwei Ringhaken, die ich in einem Eisenwarengeschäft gekauft habe und drei Feuerwehrkarabiner. Wie man sich anseilt, habe ich bei einem Ausflug auf die Rax einem Kletterer abgeschaut, wobei ich für eine genaue Kopie natürlich nicht garantieren kann. Fritz staunt dennoch über meine alpinen Kenntnisse.
Die Einstiegsplatte habe ich bald hinter mir. Sie ist nicht allzu steil und bietet schöne Griffe. Nun aber stehe ich unter dem Überhang und muss nach links in die Verschneidung. Die Kante dazwischen schaut wenig einladend aus; also muss ein Haken her. Irgendwie angle ich ihn vom Karabiner. Dabei bricht mir der Griff aus, an den ich mich vertrauensvoll geklammert habe. Nur mit Mühe kann ich das Gleichgewicht halten. Nach einigem Probieren sitzt der Stift. Ich hänge das Seil in die Öse – verkehrt natürlich; dann beginne ich zu queren. Die Verschneidung ist glatt und unfreundlich. Ein kleiner Wulst steht im Weg. Ich taste über ihm herum und greife plötzlich in den Ring eines Hakens. Ein Klimmzug, ich habe einen Standplatz erreicht und hier steckt tatsächlich ein alter schwarzer Stift. Das eindrucksvolle aber auch ziemlich unsichere Gefühl, Pionier zu sein, weicht der beruhigenden Gewissheit, dass man hier hinauf kommen kann.
Fritz kommt nach. Ich gebe ihm Hammer und Haken. Dann steigt er weiter und verschwindet um eine Ecke. Langsam ruckt der Hanfstrick durch meine Hände, stockt dann und Fritz ruft:

- Darf i an Haken schlagen?
- Natürlich, wenn’st kannst

Ping, ping, ping. Zaghaftes Klopfen.

- Du, der Haken geht net rein in den Felsen.
- Dann lass es eben.

Brummen hinter der Ecke. Dann läuft der Strick weiter, schnell und ruckartig. Wenig später kann ich nachkommen. Der schräge Riss, dem wir bisher gefolgt sind, verliert sich in der Wand. Ich muss gerade hinauf. Senkrecht, abdrängend und brüchig ist das Zeug. Irgendwie schaffe ich es und verstehe, dass mein Freund hier gern einen Haken gehabt hätte. Dann sitzen wir in einer Höhle, von der es nur mehr eine leichte Länge hinaus ist auf die Wiese unter der Ruine, schauen der Österreich-Rundfahrt zu, die gerade durchs Pittental rollt und sind wunschlos glücklich.
Auf dem Heimweg sind wir nicht mehr so ungeduldig wie in der Früh. Manchmal grinsen wir uns an, so von der Seite. Und die Sommerfrischler, die zur Burg hinauf keuchen, die beachten wir gar nicht. Das wäre ja auch unter unserer Würde.
Vor einem Lattenzaun an Seebensteins Dorfstraße geben wir uns die Hand zum Abschied. Diese theatralische Geste ist wohl berechnet. Wir sind fünfzehn und hinter dem Zaun wohnt ein Mädchen, das uns beiden nicht ganz gleichgültig ist. Freilich, im Leben geht es doch anders zu als in einem Bergroman. Das Mädchen von damals ist heute verheiratet, übrigens mit einem Nichtkletterer; und es auch sonst nicht überliefert, dass unser markiger Bergler-Handschlag auf sie viel Eindruck gemacht hätte.