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Hohe Wand 1959 - Erste Begegnung mit der Bergheimat

 

Die frühen Jahre meiner Bergsteigerei war ich meist allein unterwegs: am Hochschwab, im Gesäuse, auf der Rax. Geprägt waren diese Jahre von den Helden meiner Lieblingsbücher, und die stammten mit Ausnahme von Kasparek und Buhl alle aus einer Zeit, in der man sich noch entschuldigte, wenn man beim Klettern Spaß hatte. Denn Bergsteigen, also das wirkliche, richtige, klassische, alpine Bergsteigen, das war ja ‚mehr als Sport’. Geändert hat sich das für mich erst, als ich an meinem Schulort Wiener Neustadt eine Gruppe junger Leute um Sepp Sedlitz kennen gelernt habe, der damals für die Alpenvereinssektion der Stadt eine Jungmannschaft aufbaute. Der Hausberg der Neustädter war seit jeher die Hohe Wand, eine kilometerlange Serie von Felsabbrüchen, die bedeutendsten davon schon zweihundert Meter hoch; dazwischen aber fallen grasige Schrofen ab bis zu den Wiesen und Äckern am Fuß des Berges und in der Wiener Szene, fixiert auf Peilstein und Rax, sprach man von ‚Wand’ abfällig als ‚Ziguriberg’, auf dem man beim Klettern eine Ziege als Partner braucht, damit sie einem das Gras aus den Griffen frisst. Für uns aber war das unsere Bergheimat. Und gerade diese Wiesen und Wälder mit den kleinen Wandeln und Graten dazwischen haben uns von Anfang an das Gefühl gegeben, hier zu Hause zu sein.
Zuhause hat man auch als Kletterer Zeit. Ein Tag in der Bergheimat, das ist wie ein Tag der Kindheit, unermesslich lang vom Morgen bis zum Abend, voll mit Erlebnissen und wichtigen Geschäften, die einen trotz ihrer offenkundigen Nutzlosigkeit auf eine geheimnisvolle Weise reicher machen. Ein Tag in dieser Bergheimat ist für mich bald mehr geworden als ein Tag in den ‚großen Bergen’.
Meine Kletterfilme von diesen Tagen brachte ich damals immer am Montagmorgen auf dem Schulweg zu einem kleinen Fotoladen, und am Dienstag mittags habe ich zum ersten Mal nachgefragt, ob die Bilder schon fertig seien. Ich glaube nicht, dass der Fotograf, ein lieber alter Herr mit weißen Haaren, meine Ungeduld jemals verstanden hat. Die Bilder, um die ich ihn sosehr bestürmt habe, waren alles andere als gut. Meist zeigten sie ein langes Seil, und der Kletterer war an dessen Ende als kleiner dunkler Fleck mehr zu ahnen als zu sehen; oder aber ich brachte Großaufnahmen von Schnürlsamt-Hosenböden nach Hause. Die Eigentümer dieser Hosenböden waren meist Hartmut Wild oder Erich Rauscher. Zum ersten Mal begegnet sind wir uns im Hubertushaus, und noch in dieser ersten Samstagnacht lerne ich eine Spezialität meiner neuen Freunde kennen: Ohne Licht klettern wir den Turmsteig hinunter und steigen auf den Baumgartnerturm; von dort geht es weiter zum Einstieg des versicherten Wildenauersteiges, über den wir wieder die Hochfläche erreichen. Alle diese Steige sind neu für mich und das Unangenehmste daran ist das senkrechte Loch der Wildenauerhöhle. Darin finde ich die Eisenklammern wirklich nur, den ich mit dem Schädel dagegen stoße.
Am nächsten Tag versuchen wir im Turmsteig-Kessel den Martha-Steig. Er ist mit Fünf plus bewertet und ich bin erst ein Mal einen oberen Fünfer geklettert, die Direkte im Stadelwandkessel, als Seilzweiter, und habe mich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Anstiege im Kessel vor dem Baumgartnerturm sind aber nur ca. 30 Meter hoch, und so siegt mein Optimismus. Wir binden uns ans Doppelseil, weil wir genug Seile haben. Während Hartmut den ersten Abschnitt mit Höhle und Kriechband angeht, fragt mich Erich:
- Wie bedient man denn so ein Doppelseil?
- Keine Ahnung, sage ich darauf wahrheitsgemäß.
- Aha, meint Erich, wir wissen’s nämlich auch nicht.
Hartmut hat inzwischen das Kriechband nach heftigem Gestrampel überwunden und schlägt einen Haken für den Stand knapp zehn Meter über uns. Ich kann nachkommen. Wie ich aus der kleinen Höhle zum Kriechband hinaus spreize, wird mir die Problematik dieses Schrittes erst so richtig bewusst. Ich hänge an der Kante des Bandes; wie Hartmut da hinauf und in die Bauchlage gekommen ist, das ist mir schleierhaft. Es wäre zwar kein Problem, ins Seil zu stürzen, den ich bin vom Ersten und vom Dritten gut gesichert; aber Stürzen will auch gelernt sein. Da sind die vielen Stunden am Berg, in denen ich allein unterwegs war und nicht stürzen durfte. Das hat offenbar so eine Art Sturz-Blockade in meinem Gehirn eingerichtet. Mit dem letzten Schmalz in den Fingern benütze ich das Kriechband als Hangeltraverse und erreiche meinen Ersten zu dessen Befriedigung ziemlich ‚ausg’saftelt’.
Nun ist wieder er an der Reihe. In meiner Selbstsicherung stehend schlägt er einen Haken im Grund der flachen Verschneidung, die als zweite und letzte Seillänge dieses Steiges zum oberen Ende der Wildenauer-Höhle führt. Er wendet an diesen Haken viel Liebe und Ausdauer und bringt anschließend den Hakenfänger kaum mehr heraus aus der Hakenöse geschweige denn einen Karabiner hinein. Daraufhin nimmt er ein Zeltschnürl von etwa fünf Millimeter Stärke, aus Hanf natürlich, die Kunstfasern sind noch den Seilen vorbehalten, fädelt es durch den Haken, klinkt einen Schraubkarabiner ein und verschraubt den auch noch. Ich frage, warum er den Karabiner zuschraubt. Das sei ein Sturzhaken, werde ich belehrt. Der Knabe da droben ist Mathematiker und Physiker im vierten Semester und ein guter obendrein. Offenbar verursacht die körperliche Anstrengung beim Klettern manchmal eine Sauerstoffleere im Gehirn. Wenn er nämlich hier fliegt, wird er, erstens, mir auf den Kopf fallen. Wenn er dann noch weiter fliegt, wird, zweitens, dieses windige Schnürl reißen. Es ist daher, drittens, völlig egal, ob er den Karabiner verschraubt oder nicht. Immerhin vermittelt dieser ‚Sturzhaken’ meinem Ersten soviel moralische Festigkeit, dass er nun einige Züge in der Verschneidung frei klettert. Dann schlägt er noch zwei Haken und fällt anschließend kopfüber in die Wildenauer-Höhle hinein.
Nach diesem ersten, kurzen Kontakt mit der Welt der steilen Felsen beschließen wir, dass uns das taugt, dass wir aber doch noch einiges lernen könnten. Und als wir zu dritte über den Springlessteig absteigen, schmieden wir Pläne. Die Freunde fahren dann vom Wagner-Wirtshaus, wo wir unsere Räder eingestellt haben, nach Wiener Neustadt, ich über Neunkirchen heim nach Seebenstein. Und – obschon es nach dieser ersten Probe unseres ‚Könnens’ wenig Grund zum Optimismus gibt – erscheint mir die Zukunft hell und freundlich.