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Gosaumkamm und Gesäuse 1959 - Wir biwakieren am Mosermandl

 

Der Sommer 1959 war für mich besonders lang. Die Matura war schon im Mai und an der Uni ging es erst im Oktober los. Geld für viel Urlaub in den ‚Großen Bergen’ hatte ich zwar nicht; nach einer Woche in den Zillertalern und einer weiteren im Haindlkar war meine als Holzhacker beim Fürsten Liechtenstein verdiente  Barschaft dahin; aber Hohe Wand, Schneeberg und Rax konnte man mit dem Fahrrad erreichen. Fünf Schilling waren damals genug für ein Wochenende im Weichtal (zwei für das Lager, einer für einen Liter Teewasser und 1,80 für 10 Austria 3 ohne Filter); im Hubertushaus auf der Hohen Wand lebte ich überhaupt bargeldlos, wenn ich nebenbei ein bisschen mitarbeitete beim Holz machen und als Proviant-Träger von Höflein über den Springlessteig, wovon mir 20 Kilo Sauerkraut besonders unangenehm in Erinnerung sind: Die Verpackung in meinem Rucksack hielt nicht dicht und bei der Hütte war ich vom Kreuz abwärts mit einer duftenden Krautsoße durchtränkt. Der Wirt borgte mir aber seine Schlosserhosen fürs Klettern, während sich die Wirtin meiner Schnürlsamthose annahm. Gestunken nach Sauerkraut hat die freilich noch wochenlang.
An einem dieser Sommer-Klettertage verkündete uns Hartmut, er sei zu einem Mathe-Quiz beim Radio eingeladen; von dem mit Sicherheit zu erwartenden Gewinn wollte er Erich und mir die Fahrt zum Gosaukamm zahlen. Der große Tag war da: Mit Zettel und Bleistift sitze ich vor dem Radio, nicht um mitzurechnen, denn meine Fähigkeiten in dieser schwierigen Wissenschaft reichten gerade, um die Matura mit Hilfe meines Mathe-Lehrers vor einer Kommission zu bestehen, die zum Glück von einem Germanisten gleitet wurde; den Gewinn Hartmuts wollte ich addieren. Eine Dreier-Frage hat er schon; nun noch eine Vierer; ich summiere, und wenn ich mich nicht verrechnet habe, langt das fast für drei Fahrkarten nach Filzmoos. Hartmut  verlangt eine Elfer-Frage; ich drücke beide Daumen; die Stille dehnt sich, dehnt sich noch mehr, und dann ... der Gong. Aus der Traum vom Gosaukamm.
Wenig später telefoniert Hartmut aus Wien: „Ich hab’ eben zehn Briefmarken aus meiner Sammlung verkauft. Übermorgen fahren wir.“

Unsere Gosautage beginnen am Mosermanndl. Nach dem Transport der schweren Rucksäcke von Filzmoos zur Hofpürglhütte hockt sich Erich gemütlich mit einer Flasche Bier vor die Hütte. Hartmut und ich aber platzen vor Auftrieb und gehen hinüber zur Ostschlucht des Hüttenberges. Die beginnt sehr friedlich. Eine Steilstufe ist da, die in die eigentliche Schlucht leitet. Und danach soll es links an die Kante weiter gehen. Dort sehen wir aber nur Latschen. Hartmut sagt:

- Was meinst, packen wir die Schlucht gerade?
- Sicher. Ist bestimmt nicht mehr als ein Vierer.

Kaum bin ich aber drei Meter in der Steilwand des glatt gewaschenen Schluchtgrundes, da stecke ich auch schon fest. Nach mehreren nutzlosen Versuchen schlage ich eine Haken und gehe zurück. Hartmut kommt einen Meter höher. Auch er hinterlässt einen soliden Haken. Nun bin wieder ich an der Reihe und bringe den nächsten Stift an. Als ich wieder schwer atmend im Schluchtgrund stehe, sagt der Freund:

- Wenn es immer so weiter geht, kommen wir sicher hinauf. Bloß – ob der Urlaub reicht?!

Mittlerweilen ist es dunkel geworden und wie zwei Maurer nach getaner Arbeit gehen wir heim. Dem Erich erzählen wir fast in Versen von unserem Mosermanndl-Abenteuer. Ihm ist diese Ostschlucht aber nach wie vor wurscht.
Am nächsten Morgen gelangen wir auf ziemlich abenteuerliche Weise vom Süden hinüber zum Weg der Erstersteiger im Westen auf die Kleine Bischofsmütze. Der Anstieg ist ohne Probleme. Dass wir danach über die schwierigere Ostwand absteigen, bezeichnen wir hinterher als Absicht.
Abends gehen Hartmut und ich wieder hinüber zu unserer Ostschlucht am Mosermanndl. Beharrlichkeit ist alles. Bald aber müssen wir einsehen, dass wir bei diesem Schluchtabbruch mit Beharrlichkeit allein nicht übermäßig viel ausrichten werden, überhaupt, wenn uns immer nur die Abende dafür zur Verfügung stehen. Um aber nicht wieder unverrichteter Dinge heimgehen zu müssen, werden wir eben diese Ostschlucht auf dem beschriebenen Weg erklettern. Erich ist inzwischen von Neugierde getrieben nachgekommen. Wir umgehen den Abbruch in Latschen und gelangen über ihm wieder in die Schlucht. Spät ist es geworden. Drunten im Tal werden die ersten Lichter angezündet. Die Schlucht hat einige interessante Kletterstellen. Bei einer Gabelung dürften wir aber den falschen Ast erwischt haben. Jedenfalls wird es schwieriger, dazu immer dusterer, und eine Ende des Spaßes ist nicht abzusehen. Um halb elf Uhr nachts raufe ich mich einen Schotterüberhang hinauf und stehe auf einer Wiese. Die beiden Freunde kommen nach, Hartmut nicht, ohne den verflixten Überhang im Hechtsprung zu nehmen.
Nun, so denken wir, sind alle Probleme gelöst. Zwar ist es stockfinster, und wir haben natürlich keine Taschenlampe mit. Aber auf diesem Mosermanndl weiden untertags die Schafe. Also werden wir wohl auch in der Nacht hinunter finden.
Wir kommen an einem schönen, überdachten Platzerl mit schwellenden Graspolstern vorbei, das Erich zu Biwakgedanken anregt. Wir lachen ihn aus. Das wär’ so was: Biwak auf einer Schafhalt. Die steile Schrofenwand, in der wir absteigen, mündet in eine trichterförmige Schlucht. Trichter haben die Gewohnheit, sich allmählich zu verjüngen. Die Schlucht, in der wir da absteigen, rutschen und purzeln, hält sich auch daran. Bald dominiert der Fels zwischen dem Gras und wir müssen uns wieder ernsthaft mit dem Klettern beschäftigen. Schließlich stehen wir vor einem Abbruch. Leuchtversuche mit einem brennenden Zündholz scheitern. Steine, die wir hinunter werfen, fallen zwar nicht weit, poltern dann aber umso ausdauernder. Nach dem Getöse zu schließen, liegt da allerhand Schutt drunten, und er dürfte ziemlich steil sein. Wenn man nur etwas sehen könnte. Keiner der unzivilisierten Knaben hat auch nur das kleinste Fetzchen Papier bei sich. Also opfere ich meine Zigarettenschachtel. Feierlich wird sie entzündet und in den Abgrund versenkt. Dann kommt ein Windstoß – und wir starren ins Schwarze. Der Windstoß, der unserer Behelfsfackel den Garaus gemacht hat, war der Vorbote eines heftigen Regenwindes. Es hat alles keinen Sinn. Wahrscheinlich kämen wir unten an, möglicherweise hätten wir aber auch ein paar Löcher im Schädel. Wir sind schon verrückt, aber nicht so verrückt. Wir biwakieren.
Kaum ist diese Entscheidung gefallen, beginnt mein Hirn heiß zu laufen. Unsere Schlucht bildet hier eine Schuttstufe. An die Seitenwand geschmiegt könnten wir alle drei ausgestreckt liegen und wäre doch vor Steinschlag einigermaßen geschützt. Doch: Ist nicht auch Leo Maduschka beim Biwakieren in einer Schlucht der Civetta-Nordwestwand im Sturzbach gestorben?! Meine Einwände werden von meinen Freunden keineswegs belächelt. Wir haben alle drei keine Ahnung von der Civetta; diese Riesenmauer wird bei einem Wolkenbruch doch wesentlich mehr Wasser sammeln als unser Mosermanndl. Es erweist sich wieder einmal der Einfluss der alpinen Literatur. In der Seitenwand unserer Schlucht entdecken wir ein Dreckerl von Fleckerl, auf dem gerade einer bequem stehen kann. Hier werden wir zu dritt die Nacht verbringen. Ein Seilgeländer wird angebracht, zwei Mann verkeilen sich im Gemäuer, der dritte hockt auf dem Boden der kleinen Scharte. Und alle Viertelstunden wechseln wir.
Eigentlich sind wir alle drei sehr begeistert. Ein Biwak hat unangenehm zu sein, so steht es geschrieben. Unseres hält sich im wesentlichen an die Vorschrift. Der erwartete Wolkenbruch und damit die Rechtfertigung meiner Sturzbachtheorie bleibt leider aus. Es tröpfelt nur ein bisschen. Und dann wird es empfindlich kalt. Erich hat nur einen Pullover an. Er bekommt das einzige Taschentuch der Runde und bastelt sich daraus eine warme Nachtmütze. Wir beiden anderen haben zwar keine Pullover aber unsere Windjacken. Die Nacht vergeht entsprechend langsam. Trotzdem ist die Stimmung gut. Um fünf Uhr früh wird es soweit hell, dass wir weiter absteigen können. Die Schlucht ist tatsächlich sehr brüchig. Immer nur einer von uns ist unterwegs. Die beiden anderen warten in Deckung, bis der Freund in seiner rollenden Steinlawine anhält.
Als wir in der Hütte zurück sind, sagt uns Wastl Lackner, er sei hier schon recht lange Hüttenwirt. Seines Wissens habe aber in all den Jahren noch nie jemand auf dem Mosermandl biwakiert. Während wir hinüber stolpern ins Matratzenlager, um uns auszuschlafen, mäht es im Gewänd: Die Schafe haben wieder Besitz ergriffen von unserem kühnen Biwakberg. Später gründen wir die Alpine Gesellschaft d’Mosermanndler (Aufnahmebedingung: mindestens ein möglichst blödes Biwak) und dichten eine Vereinshymne (Mir san die Mosermanndler vom übersechsten Grad ...)

Einen Tag später binden wir uns am Fuß der Bischofsmütze-Südwand an die Seile. Es ist schon hoch am Vormittag, und die Risse des Jahnweges durchschneiden mit ihren scharfen Schatten die Wand. Hartmut führt. Zügig kommen wir voran. Es steckt viel Eisen in der Wand, die von den Erstbegehern völlig ohne Haken durchstiegen worden ist. Eine Seillänge unter dem Gipfel ist noch ein Wandl zu überwinden, das links von einer hinausdrängenden Verschneidung abgeschlossen wird. Aus nicht recht einzusehenden Gründen klettert Hartmut nicht über das Wandl sondern plagt sich in der Verschneidung. Auf einen Meter schlägt er drei Haken in den Fels.

- Willst Zug, frage ich ihn.

- Bist narrisch! Du reißt mir ja die Haken raus.

- Wenn die so schlecht sitzen, warum hast du sie dann überhaupt geschlagen?

- Na, als Sturzhaken!

Aha; die Hartmut’schen Sturzhaken. Mittlerweile kenne ich das. Zum Glück werden sie nicht auf ihren Zweck hin geprüft und wenig später können Erich und ich auf den Gipfel nachkommen. Friedlich sitzen wir in der Sonne und schauen hinüber zum Hochkesselkopf. Morgen, die Südwest!

Die Südwest-Verschneidung am Hochkesselkopf führt Erich. Mit dem Wegfinden hat er kein Problem. Das Faszinierende an dieser Route ist: Man klettert immer wieder auf das schlechthin unmöglich Aussehende zu – und dann geht es immer wieder frei und schön weiter. Wir schwelgen in den bekannten Kletterstellen: die Einstiegsverschneidung, die Zisterne, über deren bodenloser Schwärze man an festen Henkelgriffen klettert, die Schwarte, hin der sich einer der besten Sicherungsplätze der Alpen verbirgt, und schließlich der Reitgrat. Als Erich den hinter sich hat und in die leichten Gipfelschrofen quert, da löst sein Seil einen Stein, der nach gut zwanzig Metern durch meinen Schädel gebremst wird. Hernach dreht sich die Welt ein bisschen um mich und ich sehe das Panorama wie im Nebel. Es gehört schon was dazu, ausgerechnet in dieser festen und steilen Route einen Stein auf den Kopf zu kriegen. Aber morgen wollen wir ohnehin nur mit den Rucksäcken zur Südwandhütte.

Die Dachstein-Südwand bleibt uns diesmal noch erspart. Auf dem Einstiegs-Schneefeld rodelt Erich hinunter in den Schotter und Hartmut findet, mit zwei Invaliden am Seil wäre diese unsere erste ganz große Wand denn doch eine zu harte Sache. Wahrscheinlich waren die beiden Unfälle ein Glück für uns. Eine große Wand ist nicht sosehr eine Frage der Klettertechnik als eine der Geisteshaltung. Gut möglich, dass wir den Steiner-Weg nicht ohne die Hilfe der Schladminger Bergrettung hätten beenden können.

Der Urlaub von Erich ist vorbei. Hartmut und ich haben noch Zeit und sogar noch ein bisschen Geld aus dem Briefmarken-Verkauf. Wir fahren nach Gstatterboden und steigen ins Haindlkar auf, in dem noch das alte gemütliche Hütterl unter dem großen Block steht, den ich aus dem Buch von Fritz Kasparek kenne. Hubert Asch, der Bewirtschafter, ist mit einem Kunden da, und während des vergnüglichen Gespräches zu viert versuche ich meine Kletterhose zu flicken. Sie ist von meiner Mutter von einer ausgedienten Schnürsamthose zurecht geschneidert und zeigt so bedenkliche Auflösungserscheinungen, dass es beinah mit der Schicklichkeit nicht mehr zu vereinen ist.
Am folgenden Morgen sind sechs Seilschaften beim Einstieg in die Jahn-Zimmer-Führe durch die Hochtor-Nordwand. Aber in diese zyklopischen Plattenflucht verkrümeln sich zwölf Leute wie nichts. Es wird ein wunderbarer Gang im kühlen, grauen Fels. Zudem darf heute ich voran gehen. An der Schlüsselstelle, der ‚Fuge’ macht Hartmut meine Kamera – einen Mittelformat-Apparat aus der Zwischenkriegszeit – schussbereit. Während ich an festen Griffen hänge und möglichst kühn nach oben schaue, ruft der Freund:

- Du, ich kann nicht auslösen.
- Ja, dann musst du ihn eben aufziehen.
- Wie mach’ ich das?
- Da oben, das Dings, das Radl, nein nicht das, das ist der Entfernungsmesser ...

Es ist schwierig, eine Bedienungsanleitung für eine Zeiss Super Ikonta zu geben, wenn man dabei nicht mit den Händen reden kann, weil man sie zum Anhalten braucht. Endlich hat Hartmut den Film transportiert und macht die Aufnahme. Auf dem Bild haben meine Augen den Blick eines Hasen während einer Oktobertreibjagd.
Beim Kreuz auf dem Gipfel schmieden wir Pläne. Morgen, die Pfannl-Maischberger, die müsste schon gehen. Ist ja nur ein Vierer.

Noch sind die Wände alle im Schatten, als wir beim Einstieg des Pfannweges das Seil aufmachen. Ich bin beeindruckt von der Größe dieser Wand. Der Jahnweg gestern führte uns ganz rechts durch den breiten Nordabsturz des Hochtors. Man geht dort lang über Schrofen und durch Latschen, bis man endlich die Hände zu Hilfe nehmen muss. Der Weg der Ersten, die durch diese Mauer gestiegen sind, der Weg von Pfannl, Keidl, Maischberger und Wessely, der beginnt dort, wo die Wand am tiefsten in den Schotter des Haindlkars herunter reicht.
Zügig klettern wir über den Plattenkegel aufwärts, überwinden den oberen Kreuzlkamin, grinsen uns schwach an bei dem Gedanken, dass wir in diesem Kamin landen werden, wenn wir aus der Gipfelschlucht hinaus fliegen. Dann stehen wir auf dem Plattenschuss, der uns zum Fliegenband hinaufbringen soll. Vorerst in eine kleine Rast angenehm. Die Sonne hat gerade die obersten Felsen erreicht. Den Gipfel des Hochtors können wir von hier aus nicht sehen. Aber die Rosskuppe ist im Licht, und über dem Dachl liegt ein heller Saum. Wunderbar ist das hier, ruhig und gemütlich. Wir setzen uns in eine Felsmulde, breiten unsere Vorräte aus und jausnen. Plötzlich rauscht es über uns, und ehe wir noch recht zum Denken kommen, schlägt ein koffergroßer Felsblock etwa zwei Meter neben uns ein. Mit naiver Seelenruhe haben wir uns gerade unter den Ausguss der Gipfelschlucht gesetzt.
Während ich in Windeseile den Rucksack voll stopfe, ist Hartmut schon in der ersten Länge des Plattenschusses. Dieses Erlebnis hat uns fürs Erste den Genuss an Wurstbrot und Zitronentee geraubt. In einem Zug klettern wir durch bis zu den Nischen unter dem ‚Baumschwamm’. Hier wird die unterbrochene Rast nachgeholt und ich komme endlich zu meiner Zigarette. Stummeln von Zigaretten sind es auch, die mir zu beweisen scheinen, dass ich richtig am Beginn des ‚Fliegenbandes’ bin. Hartmut sitzt noch drunten bei den Nischen und sichert. Ich beruhige seine gespannte Aufmerksamkeit:

- Das Band ist sehr bequem; ich werde einmal dort ums Eck schauen. Aber es kann nur mehr eine Seillänge sein bis zu den Maischberger Fasseln. Dann noch zwei Längen, und wir sind in der Gipfelschlucht.
- Gut, gut, brummt der Freund; mach erst einmal weiter.

Vorsichtig schiebe ich mich ums Eck und halte betroffen an. Man hat mir das Fliegenband als bequemen Spaziergang beschrieben. Dass man hier klettern kann, das sehe ich. Aber der Tiefblick! Man sieht hinunter bis zum Einstieg. Durchsichtige Nebelfetzen ziehen da drunten. Düster ist’s in diesem Schlund. Nein, das schaut zu grausig aus. Ich versuch’s erst gar nicht.

- Hartmut, du musst voran steigen.
- Bist du sicher, dass das wirklich das Fliegenband ist?
- Sicher bin ich nicht. Schau dir das halt an.

Hartmut späht ums Eck. Dann meint er zaghaft:

- Ich glaub’ auch nicht, dass es da geht.
- Vielleicht sind wir zu tief.
- Wieso zu tief? Eher zu hoch!
- Am End’ ist das dort droben gar nicht der Baumschwamm.
- Kann schon sein; was weiß ich, was der Pfannl unter einem Baumschwamm versteht.

Diese Rederei führt zu nichts. Ich klettere eine Seillänge höher. Da ist wieder ein Band, schwieriger als das untere, und der Tiefblick fehlt natürlich auch nicht. Hartmut versucht es zwei Seillängen weiter unten; da ist gar nichts. Am Ende sind wir drüben in der Prusik-Schlucht und wissen nicht, was wir da sollen. Zu feig sind wir eben, beschimpfe ich uns. Noch einmal stehe ich an dem Eck des Schicksals, schaue hinunter in den ziehenden Nebel, der sich in der Wandbuchtung gefangen hat, schaue hinüber, wo die Maischberger Fasseln warten, die Schlüsselstelle. Eins weiß ich: Wenn wir hier schon solche Hemmungen haben, dann werden wir da drüben allenfalls mit Krampf hinauf kommen. Ich drehe um!
Der Abstieg verläuft ohne Aufregung. Drunten in der Hütte sagt der Hubert:

- Der Tee ist schon warm.

Ich darauf:

- Verdient haben wir ihn nicht. Wir sind am Plattenschuss umgekehrt.

Jetzt muss ich dem Hubert zeigen, wo wir waren und beschreiben, wie der Beginn des Bandes ausgesehen hat, das Eck, die Felsen dahinter. Schließlich sagt er:

- Ihr seid schon auf dem Fliegenband gewesen. Und wenn du gleich beim ersten Mal weiter gegangen wärest, so hättest du gesehen, dass die Sache so schwer nicht ist. Dann hättest du auch die Fasseln derpackt. Der Jahnweg auf die Bischofsmütze ist technisch schwieriger als die Schlüsselstelle in der Hochtor Nord.

Ich krame in meiner Hosentasche nach einer Zigarette und schaue an dem Hubert vorbei auf die Wand. Da sagt er:

- Ein Berg ist kein Frosch. Der hupft dir net weg. Kommts halt nächstes Jahr wieder.

Als man später die neue Hütte im Haindlkar gebaut hat, hieß es, da muss jetzt auch ein neuer Wirt hin, einer, der mehr versteht von dem Geschäft. Ich weiß über das Geschäft eines Hüttenwirtes nicht Bescheid. Ich weiß nur, dass mir damals zum Heulen war vor Wut und Enttäuschung, und dass der Hubert Asch die richtigen Worte gefunden hat für mich.