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Ortler 1960 - Freunde, Frühling, Firn

 

In einem Schnellzug der Westbahn lernen wir uns nach und nach kennen: Die Perchtoldsdorfer mit dem Oberhäuptling unserer Ortlerfahrt Dr. Cerney und die Mödlinger treffen wir schon in Wien. Hannes Strohmeyer steigt in St. Pölten zu. Und in Amstetten sind wir dann die vorgesehenen Elf. Auf dieser Fahrt nach Goldrain-Martell lernen wir umsteigen. Innsbruck, Brenner, Meran – überall heißt es: Rucksäcke raus, Schi raus, Mannschaft raus; Trab zum Anschlusszug; Rucksäcke rein, Schi rein, Mannschaft rein. Das Bahnpersonal ist sichtlich zufrieden mit uns.


Dann folgen zehn Tage im Firn mit allem, was eine Frühlingswoche im Ortler bieten kann: weite weiße Hänge umrahmt von den Zacken der Dreitausender; Schneesturm am Col d’Orsi; ein Himmel aus Seide und Glas über dem Fornogletscher; der trockene Schlag der fellbewehrten Schi im Aufstieg und das Zischen des Firns unter dem Holz der Bretteln bei der Abfahrt; und die Erlebnisse, über die wir gelacht haben, und die Zeiten, in denen wir still waren, gemeinsam.


Abfahrt vom Cevedale: ein Schwelgen im hindernislosen Weiß. Die Steilhänge werden immer wieder von flacheren Stücken abgelöst. Bevor aber der Schuss zu Ende ist, tut sich chon einer neuer Hang auf, in den wir hineintoben können. Fast zwei Stunden haben wir für den Aufstieg gebracht. In fünf Minuten sind wir wieder drunten bei der Casati-Hütte.


Am nächsten Tag steigen wir im leichten Nebel über den Gipfelhang zur Königsspitze auf. Im Grunde ist das ein Umweg. Wir wollen zur Branca-Hütte, zu den Bergen um den Fornogletscher. Aber der zweithöchste Berg der Ortlergruppe war halt doch zu verlockend – und entpuppt sich als eine ermüdende Stapferei. Am Ende dieses Tages sind wir mit unseren scheren Urlaubrücksäcken aber doch beim Rifugio Branca, das ursprünglich, so erzählte man uns, viel weiter drunten auf dem Moränenkamm des Gletschers stand. Dann begann di Moräne zu wandern. Die Hütte konnte sich in der Eile aber nicht entschließen, welchem Teil der Moräne sie treu bleiben wollte. Und so fand man sie in sämtliche Himmelsrichtungen zerstreut.


Die neue Hütte steht hundert Meter über dem Gletscher. Ein Tag wird uns vom Wetter als Rasttag aufgenötigt. Dann geht’s auf den Pizzo Trésero, den mächtigen Eckpfeiler im Westen der Forno-Umrahmung. Nach einem kurzen Abstecher auf die Cima di San Giaccomo stehen wir auf seinem Gipfel. Paradiesische Weiße ist um uns, Sonne und blauer Himmel darüber. Es gibt Tage, von denen man wünscht, sie mögen nie zu Ende gehen. Sechs von uns steigen noch rasch auf die Punta Pedranzini, über einen Grat gemischt aus Schnee und Eis. Endlich brauchen wir auch wieder einmal die Hände zum Bergsteigen und das war wohl der Zweck dieses Ausfluges. Dann klappen wir drunten auf dem Sattel die Strammer der Bindungen zu. Und nun brauchen wir nur mehr di Beine. Sogar der Kopf ist überflüssig. Man fährt über diesen Wunderteppich aus Firn ohne zu denken.
Nach dem Gipfelhang versammeln wir uns alle vor einer mächtigen Gletscherspalte, in der ein Einfamilienhaus bequem Platz hätte. Nur Gerhard krebst noch droben im Hang herum. Hannes schreit hinauf:

- Schiaß oba.

Und Gerhard stellt seine Bretteln in die Falllinie. Wir denken natürlich alle, dass er bei uns anhalten wird. Aber nein: Er pfeift an uns vorüber. Und fünf Meter vor dem Spaltenrand haut er ein mächtiges Loch in den Schnee. Während wir alle ganz blass und sprachlos sind, meint Hannes trocken:

- Siehst du, jetzt sag’ ich, du bist ein g’scheiter Kerl. Hättest du das fünf Meter weiter drunten gemacht, hätt’ ich leider sagen müssen, du bist ein Blödian.

Anderntags gehen wir auf den Pallon della Mare und den Monte Vioz. In der Abfahrt ist alles drin vom steilen Hang bis zum Gemütsbummel über ebene Gletscherböden. Und abends sitzen wir in der Hütte, Glühen im Gesicht und roten Wein auf den Tischen. Wenn ich dem Schiglück einen Brief schreiben müsste, ich würde auf den Umschlag schreiben: Branca-Hütte, Ortlergruppe.


Bei Nebel und Sturm spuren wir am nächsten Tag hinauf zum Col d’Orsi. Weil ich gestern abend in der Hütte, befeuert durch den ungewohnten Chianti, zuviel von Orientierung im Gelände geredet habe, werden mir heute Karte und Bussole anvertraut. Zum Glück schert sich der spurende Hannes nicht viel um meine Richtungsangaben und so gelangen wir doch zu jenem steilen Firngrat, der den Weg zum Gipfel der Punta San Matteo und der Giumella bildet. Allmählich klart es auf, und als wir auf der San Matteo stehen, liegt wieder der blanke Ortlerhimmel über uns. Die ganze Welt ist in neuem Weiß. Nur drüben auf der Giumella sehen wir einen schwarzen Fleck, direkt neben dem höchsten Punkt. Wir fahren hinüber. Es ist ein altes, verrostetes Maschinengewehr, auf einem Holzpflock montiert.
Hier auf der Giumella lagen im Ersten Weltkrieg die Österreicher. Gegenüber hatten die Italiener aus der Punta San Matteo eine Festung gemacht. Und in der Gletschermulde dazwischen wurde viel gestorben. Was dem jeweiligen Gegner nicht gelangt, das besorgten Lawinen und Winterstürme. Und die, die das Schlachten zwischen der Giumella und der Punta San Matteo überlebt hatten, kehrten zurück in die Täler, die einen als Helden, weil sie den Krieg gewonnen, die anderen ebenfalls als Helden, weil sie ihn verloren hatten. Und die, die hier gestorben waren, wurden im Lauf der Zeit vergessen. Wofür sind sie gestorben, wofür! Ihre Enkel liegen hinter einem rostigen Maschinengewehr im frischen Schnee und lachen in die Kamera.


Dann haben wir wieder die Urlaubs-Säcke auf dem Rücken und die Schi darauf geschnallt und stapfen hinauf zum Monte Pasquale, über den wir die Casati-Hütte erreichen werden. Der Eissee-Pass und Sulden werden die nächsten Stationen sein. Das Ende unserer Ortlertage ist da.


Vorerst sind wir aber noch auf dem Pasquale. Wir sehen hinein in das Amphitheater des Forno-Kessels: Trésero, Pedranzini, Matteo, Giumella. Die Verschlüsse unserer Fotografen rauchen förmlich. Dann ziehen sie langsam weiter unter ihren schweren Lasten. Nur Hartmut ist noch nicht zufrieden und verlangt mich als Vordergrund. Ein bisschen eingeknickt unter des Last des Rucksackes und der Schi stehe ich da und schaue hinüber zur Giumella, auf deren Gipfel ich ein rostiges Maschinengewehr weiß. Dann hat mein Fotograf das Bild, das er sich vorstellt und sagt:

- Komm, gehen wir.

Und ich gehe weiter.