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Gesäuse, Watzmann und Dachstein 1960 - Urlaub mit Wurstnudeln

 

Während der ersten Tage im Haindlkar haben wir beide, Hartmut und ich, genügend Zeit, sonnige Erinnerungen an unseren Frühling im Firn zu beschwören. Das Wetter ist trostlos; man will gar nicht vor die Hütte gehen. Wir sitzen im Selbstversorger-Raum der neuen Haindlkarhütte, tratschen und kochen Wurstnudeln. Bis zu fünf Mal am Tag essen wir das Zeug. Geringe Abwechslungen gibt es natürlich. Schließlich bin ich der Koch dieser Expedition. Einmal gibt es mehr Nudeln; dann wieder mehr Wurst; an Sonntagen wird Paradeissoße darüber geschüttet; und manchmal fehlt das Salz, wenn ich drauf vergesse.
In der Hütte werden zwei Linzer Kletterer vermisst. Ihr Ziel war nicht bekannt. Die Bergrettung klappert die Gipfelbücher von der Planspitze bis zum Ödstein ab. Uns beide braucht zwar keiner; da wir uns bei diesem Wetter aber ohnehin nicht in eine der großen Wände trauen, gehen wir über den Peternpfad zur Hesshütte. Vor der Hochtor Nordwand stehen wir lange und schauen hinauf in diese schwarze Mauer, über die das Wasser rinnt, vor der der Nebel zieht. Wir rufen auch nach den beiden Linzern. Es gibt aber keine Antwort. Nur Steine poltern im Kreuzelkamin und über all dem liegt der nasse, erstickende Dunst der Latschen des Vorbaus. Wir klettern über den Peternpfad bis zur Scharte und gehen über das weißgraue Karrenfeld hinüber zur Hesshütte, steigen über den Wasserfallweg nach Gstatterboden ab und sind am Abend wieder im Haindlkar. Das Wetter klart auf. Die beiden Linzer sind noch immer nicht da. Und über der Dachlschlucht kreist allerhand schwarzes Federvieh. Dort hat man die beiden jungen Burschen am nächsten Tag dann geholt, in einem grauen Sack, während wir durch die Nordwand des Festkogel hinauf steigen in die Sonne, die endlich wieder scheint.
Die Festkogel-Nord hat uns jene Sicherheit gegeben, die wir darin finden wollten. Nun soll’s ernst werden. Halbvier Uhr früh ist es, und die Hütte schläft, als wir weg gehen. Der Zustieg zur Ödsteinkante ist abermals ein Test. Auf diesem Weg sind schon Große Alpinisten ganz klein geworden und nach stundenlanger Pfadsuche wieder heim gegangen. Wir finden auf Anhieb ins Ödsteinkar. Die Felsen des Admonter Reichensteins sind noch schmutzig grau. Nur über den Gipfel fließt das erste zarte Rot des Morgens. Wir binden uns am Einstieg der Dibonakante auf den Großen Ödstein ans Seil. Das hier ist der Originaleinstieg; kein vernünftiger Mensch geht ihn mehr; ein senkrechtes Konglomerat aus glatt gewaschenen Steilrinnen, erdigen Verschneidungen und hakensprödem Fels. Uns aber schiene es wie Verrat an unserer ersten großen Gesäusetour, wollten wir den leichteren – und schöneren Einstieg wählen.
Hartmut führt. Schon in der ersten Seillänge schlägt er einen Haken. Hier, wo kein Mensch geht, gibt es natürlich auch kein Eisen. Endlich auf dem Grat droben spulen sich die Seillängen rasch ab. Wir wechseln beim Führen ab, sodass jeder 80 Meter in einem Zug durchlaufen kann. Unter dem mittleren Steilaufschwung der Kante erreichen wir ein ebenes Gratstück. Der Mathematiker unserer Seilschaft hat inzwischen die Kletterzeit durch die Seillängen dividiert und verkündet, dass wir im Schnitt keine zehn Minuten pro Länge gebraucht haben. Das gibt uns die Muße für eine Rast.
Das Rot des Morgens am Reichenstein ist längst in den dicken Wolken versickert, die dort drüben lagern. Düster wirkt dieser Urweltkessel, aus dem die Ödstein-Nordwand aufsteilt. Und der Aufschwung vor uns lockt auch nicht gerade mit freundlicher Helle. Am ersten Wulst, der sich mir in den Weg stellt, stecken drei Haken. Das ist kein Problem. Hartmut bedient das Seil, ohne dass es ein Kommando braucht. Bald habe ich den entscheidenden Griff erangelt und klebe an der Platte, die mich zur Nische unter der Schlüsselstelle hinaufbringen soll. Hier stecken die Haken fast geometrisch verteilt. In der Nische haben wir einen bequemen Stand und prüfen den Weiterweg.
Da ist einmal die Variante von Redlich – Stefanski, gerade hinauf, dem Anschein nach eine Sache für Leute, die ihr Schmalz im Bizeps nicht auf andere Art los werden können. Man kann auch den Spuren von Preuß folgen und auf der glatten Traverse dem Können dieses Meisters im Freiklettern einige erbauliche Gedanken widmen. Oder man macht’s dem Horeschovsky nach und erreicht nach schrägem Anstieg und schrägem Abseilen das Ende des Preuß-Querganges. Für uns aber stehen alle diese Möglichkeiten nicht zur Debatte. Wir werden natürlich den Weg der Erstbegeher machen, die Verschneidung Dibonas. Dass dies die schwierigste und dabei keineswegs eine ideale Lösung ist, stört uns hier ebenso wenig wie heute früh beim Einstieg. Wir leiden am Dibona-Komplex.
Vorsichtig schleiche ich nach rechts ums Eck. Ein Haken scheint mir nötig. Ich bringe ihn so geschickt an, dass sich das Seil nicht mehr nachholen lässt. Die Verschneidung beginnt hier leicht überhängend und wendet sich nach links. Es hilft nichts; ich brauche da ein gut nachlaufendes Seil; Hartmut muss aus seiner Nische heraus. Genau an der Kante, die wie ein Schnabel vorspringt, richtet er sich ein. Nun kann ich weiter machen und habe bald die Haken erreicht, die vom Redlich-Stefanski-Überhang herauf leiten.
Was nun folgt, ist nirgends mehr wirklich schwierig. Wir sehen uns schon auf dem Gipfel. Erst müssen wir nur noch das Band finden, das uns der Beschreibung zufolge nach rechts an die Kante zurück bringen soll. Nach wenigen Längen meinen wir, dieses Band gefunden zu haben. Es ist ja auch ein Muster von Band, riesig breit und mit haushohen Wänden darüber. Ganz klein sind wir und wandern still hinaus auf dieser Plattenstraße, der Kante zu. Hier halten wir betroffen an. Ziemlich steil und glatt ist die Gegend; davon steht eigentlich nichts im Führer. Ein Stück klettere ich noch hinauf, vorbei an einem altersschwarzen Haken bis zum nächsten, in dem eine neue Perlonschlinge hängt. Wir sind also nicht die ersten Menschen hier, doch wir verstehen den Wink der Abseilschlinge, und zwei kleine, arme Würmer kriechen die ganze lange Plattenflucht wieder zurück. Ein Stockwerk höher versuchen wir es wieder. Das ist wie in einem schlechten Zeitungsroman, in dem eine Fortsetzung der anderen gleicht. Allmählich überkommt uns der Zorn. Warum sind wir drunten so gerannt, wenn wir hier mit wertlosen Spaziergängen die schöne Zeit verplempern. Schon sind wir acht Stunden unterwegs. Mit heftigen Sprüchen feuern wir uns gegenseitig an und klettern einfach solange gerade hinauf, bis es wirklich nicht mehr recht weiter geht. Hier ist auch ein Band, läppisch geradezu im Vergleich zu der Straße weiter drunten; aber es ist der richtige Weg.
Die Gipfelrast ist kurz. Es regnet und vor dem grauslich kalten Wind verkriechen wir uns für die Esspause in den Biwaksack. Eine kleine rote Insel im Grau sind wir, recht einsam auf dem Gipfel des Großen Ödsteins und der Heimweg liegt noch vor uns. Den normalen Abstieg über den verwickelten Kirchengrat versuchen wir erst gar nicht zu finden. Wir steigen zum Gamssteinsattel ab. Schön ist das zwar nicht, in diesem nassen, steilen Gras und über erdige Latschen zu klettern. Aber der Weg ist wesentlich kürzer und unser Talent für zeitraubende ‚Abschneider’ hat hier weniger Chancen, sich auszutoben.
Vom Gamssteinsattel windet sich ein Steigerl zu Tal. So viele Serpentinen auf einmal habe ich auch noch nie erlebt. Ich hätte sie zählen sollen. Aber dazu bin ich zu müde. Hartmut trottet hinter mir. Gelegentlich schnauft er tief und setzt zu einer Schilderung jener kulinarischen Genüsse an, die er sich von Johnsbach erwartet. Er gibt das aber immer bald wieder auf. Ich bin ihm auch keine große Hilfe als Gesprächspartner. Stumpfsinnig wackeln wir weiter.
Dunkel ist es bereits, als wir endlich Johnsbach erreichen. Vor dem hell erleuchteten Fenster des Donnerwirtes zählen wir unsere Barschaft. Es langt gerade für einen Kaiserschmarrn. Nach einer halben Stunde sind wir zwar den Hunger los, nicht aber das Blei in den Beinen. Schier endlos ist der Hatscher hinaus zur Gesäusestraße und zur Abzweigung ins Haindlkar. Ich finde ein Nachtlager im Straßengraben sehr abenteuerlich. Dummerweise hat Hartmut den Biwaksack und denkt nicht daran, ihn herzugeben. Bei der ersten Quelle im Haindlkar tauche ich Hände, Gesicht und Oberkörper gleichzeitig ins Wasser. Das tut gut.
Die Nacht ist dunkel und lau. Droben stehen die schwarzen Wände wie Schemen vor dem Himmel. Man kann aus vielen Gründen langsam gehen. Es ist bereits nach elf. In der Hütte ist sicher niemand mehr wach.
Mit Letzterem täuschen wir uns aber. Der Hüttenwirt hat uns erwartet. Heiße Milch und Butterbrote sind für uns hergerichtet. Jetzt sind wir auch in der neuen Haindlkarhütte wirklich zu Hause.

 Wie gut, dass es regnet. Ein Rasttag bei Schönwetter wäre zuviel gewesen für unsere Seelenruhe. So aber können wir uns ohne Hast auf die Hochtor-Nord vorbereiten – indem wir Wurstnudeln essen.
Anderntags hat sich der zarte Morgennebel bereits aufgelöst, als wir am Vorbau des Pfannlweges stehen. Bis zum Fliegenband kennen wir die Wand ja schon. Also gibt es keinen langen Aufenthalt. Wir gehen seilfrei. Leider kennen wir die Wand doch nicht gut genug und finden uns plötzlich im Unteren Kreuzelkamin wieder. Jeder bezeichnet den anderen als Esel; dann binden wir uns ans Seil. Dieser düstere Schluf ist nass und schmierig. Wir kommen an zwei Haken vorbei, in denen neue Karabiner hängen, die Hartmut als willkommene Beutestücke betrachtet. Ich würde sie lieber hängen lassen. Wenn sich hier jemand abseilen muss, ist er sicher froh darüber. Und der Nächste, der hier hinaufsteigt, sicher auch, ätzt der Freund. Er hat die Länge geführt und keine Lust, wieder zurück zu gehen und die Karabiner eigenhändig zu kassieren. Immerhin bringt er mich unter Verwendung unschöner Ausdrücke dazu, dass ich die beiden Stücke mit nehme und dafür zwei alte von uns einhänge. Unter dem Kaminabschluss muss man nach links queren. An dieser Stelle bastle ich lang. Ich habe einfach kein Vertrauen zu dem nassen, schleimigen Zeug, gegen das ich meine Füße stemmen soll. Außerdem fällt mir als Zweitem die Aufgabe zu, den Rucksack zu transportieren. Ich muss mich also ganz aufrichten und den Gegendruck mit dem Kopf herstellen. Theoretisch weiß ich das ja, aber praktisch! Aus der oberen Etage werde ich beschimpft. Wenn ich hier biwakieren wolle, den Biwaksack hätte diesmal ja ich ...
Endlich lange ich bei meinem Ersten an und versuche, ihm die Sache zu erklären. Aber er ist schon weg und rennt direkt in den Oberen Kreuzelkamin hinein. Das ist nicht nett von einem, der mich den Rucksack schleppen lässt. Wenn wir auf dem Plattenschuss sind, werde ich ihm die Führung entreißen. Ich habe es satt, sämtliche Kamine der Hochtor Nordwand zu besuchen.
In der Nische unter dem Baumschwamm rauche ich gemütlich eine Zigarette. Hartmut kaut an einem Wurstbrot und murrt:
- Wurst im Brot, Wurst in den Nudeln, überall Wurst.
Ich lache ihn aus. Seltsam, wie frei ich mich heute fühle. Keine Spur von Unsicherheit, Spannung, Angst. Ich lache, ich freue mich. Längst ist die hässliche Morgenstimmung vom Unteren Kreuzelkamin verflogen. Die große Wand mag uns. Das Haindlkar liegt in der hellen Sonne. Drüben steht der Buchstein vor einem blank geputzten Himmel. Selten habe ich eine Schlüsselstelle mit soviel innere Ruhe angepackt wie das Fliegenband und die Maischberger Fasseln. Und auch der Freund lächelt, als er mich verabschiedet:
Also mach schon; und komm bald zurück, damit wir rechtzeitig umdrehen können.
Ich bin auf dem Fliegenband. War der Tiefblick jemals grausig? Er ist eindrucksvoll und schön. Griffe und Tritte gibt es in Fülle; man muss nur die paar lockeren vermeiden. In einem düsteren Winkel richte ich den Stand. Hartmut kommt nach und sagt:
Wie ich den Herren kenne, wird er weiter voransteigen wollen.
- Er wird wollen.
- Also geh schon.
Ich halte mich erst gar nicht damit auf, die ‚fassartig ausgebauchten’ Felsen der Routenbeschreibung zu suchen. Aus der Literatur weiß ich, dass das schon Generationen vor mir ohne Erfolg versucht haben. Glatt sind die Felsen, ausgewaschen von den ständigen Güssen, die aus der Gipfelschlucht hier nieder gehen. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, Haken anzubringen, und die wenigen guten Risse wurden schon von anderen mit Eisen bepflanzt. Maischberger hatte keine Haken, wenn man von einem Eisenstift absieht, den der Kundige heute noch bewundern kann und der – angeblich – von den Erstbegehern stammt. Sorgsam vermeide ich den Schotter im Ausguss der Gipfelschlucht. Hartmut kommt nach und strahlt:
- Wir haben schon Schwierigeres gemacht. Aber das hier ist wahrhaft klassisch.
Ja, auch ich bin glücklich auf diesem Weg, der noch in der Zeit der Monarchie erstmals gemacht worden ist. Ein Jahr Träume, Training, Spannung! Und nun der Erfolg! Soll man da nicht glücklich sein dürfen?!
In der Randkluft zwischen Altschnee und Felsen steige ich weiter. Meine Finger taugen zur Illustration eines Trakl-Gedichtes: ‚Der schwarze Schnee, der von den Dächern rinnt ...’ In der Schluchtwand stecken zwei Haken. Um Debatten mit meinem Partner zu vermeiden schlage ich sie heraus. Hartmut lobt mich dafür. Und er lobt auch meinen Entschluss, den Maischberger-Ausstieg zu machen. Wunderbar, dieses Klettern über der großen Wand. Eine Stelle scheint mir problematisch. Vielleicht ein Haken? Ich nehme einen der erbeuteten. Leider vergesse ich in meinem Gipfeldussel, dass man schauen soll, wohin man einen Haken schlägt. Mit dem zweiten Hammerschlag sprenge ich eine Mordstrumm von Block los, das polternd und stinkend in den Abgrund verschwindet. Dass ich selber nur mit Mühe das Gleichgewicht halten konnte, beeindruckt meinen Zweiten überhaupt nicht. Er jammert über den verlorenen Haken und schimpft bis hinauf zum Gipfel wie eine geizige Hausfrau. Der Block, den ich da in die Tiefe befördert habe, hat ein Nachspiel. Vierzehn Tage später werden wir in der Austria-Hütte am Dachstein ein Gespräch belauschen von einem ‚schrecklichen Steinschlag in der Hochtor-Nord, vor zwei Wochen. Also derart gepoltert hat’s dort schon lange nicht. Das muss ein regelrechter Felssturz gewesen sein.“ Wir hüten uns, die Urheber dieses Felssturzes’ bekannt zu machen.

Watzmann Ostwand, Salzburger Weg


Die große Wand macht sich eben zum Schlafen zurecht, da erreichen wir den Biwakblock im Schöllhornkar. Zweitausend Meter Fels sind es von der Eiskapelle bis dorthin, wo der Himmel als lichter Streif die dunkle Masse des Berges begrenzt; zweitausend Meter: die höchste Wand der Ostalpen. Und im ersten Drittel ein winziges Licht: unsere Kerze unter dem überhängenden Felsblock. Freundliche Vorgänger haben den Boden mit dem langen Gras gepolstert, das knapp über dem Einstieg wächst. Ein Steinmäuerchen ist aufgeschichtet. Darauf steht nun die Kerze; und wir sind zwei dunkle Schemen, die nur gelegentlich Gesicht und Hände in den kleinen Lichthof drängen. Vorerst ist das Wetter noch Gesprächsstoff. Der Himmel ist bewölkt. Doch warum sollen wir uns sorgen. Die Stille, der Friede um uns, das macht alles so einfach. Wenn es morgen schön ist, werden wir weiter gehen, sonst eben zurück. Über dem Königssee tief unter unseren Füßen erlischt der letzte helle Schein. Wir blasen die Kerze aus. Dann glimmt nur mehr das rote Pünktchen meiner Zigarette in der Nacht. Wir reden wie sonst immer. Wir reden über die Fahrten, die wir noch gemeinsam erleben wollen. Wir reden über die Berge, die Wände. Aber das ist noch etwas Unsagbares zwischen uns. Nichts trennt uns mehr. Das ist schön.
Dann liegen wir im Biwaksack. Hartmut hat sich zusammengerollt und schläft bereits. Ich höre seine ruhigen Atemzüge; und ich höre das Wasser drunten in der Schlucht. Morgen, in der Wand, da werde ich etwas erleben, das ich erzählen kann. Diesen Stunden in der Nacht im Schöllhornkar ist nur schweigend beizukommen. Ich bin glücklich. Und ich will nicht schlafen.
Dann schlafe ich doch.

Wider Erwarten weckt und am anderen Morgen die Sonne. Mit tapsigen, verschlafenen Bewegungen krame ich in unseren Essvorräten und will den Kocher zurecht machen. Plötzlich habe ich nur mehr den Deckel der Dose in der Hand, während sich der Kocher in hurtigen Sätzen über die Wand hinunter bewegt. Ich renne dem Ausreißer nach und hundert Meter tiefer finde ich ihn in einer Felsmulde, malerisch verstreut. Es braucht einiges technische Geschick, bis wir zu unserem Morgentee kommen.
Die Schwierigkeiten des Salzburgerweges beginnen für mich bei einem Überhang, der die Schlüsselstelle bildet. Hartmut führt; ich bin ziemlich eng an den Standhaken gebunden und verfolge seine heftigen Bemühungen. Die schweren, derben Schuhe des Freunde sind nur wenige Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt. Wenn er ausrutscht, wird er mir auf die Birne trampeln. Das sollte man irgendwie vermeiden. Ich mache die Leine der Selbstsicherung länger und schaue wieder hinauf. Hartmut ist nach rechts hinüber gestiegen, weil er dort einen Griff vermutet. Also gehe ich nach links in Deckung. Den vermuteten Griff gibt es nicht; mein Freund und Führer zieht sich nach links unter den schrägen Überhang zurück. Sofort flitze ich nach rechts. Als wir dieses Spiel mit geringen Variationen einige Male wiederholt haben, fällt es auch meinem Ersten auf. Er meckert herunter: 
- He, dieses dauernde Hin und Her macht mich schwindlig. Bleib endlich einmal ruhig stehen.
- Du kannst mich gern haben. Ich lege keinen Wert drauf, das Profil Deiner Gummisohlen auf meiner Denkerstirn zu tragen!
Darüber ist er so verblüfft, dass er offenbar darauf vergisst, wie schwer der Überhang ist. Mit wenigen, kraftvollen Zügen verschwindet er hinter der Kante.
Danach durchreißt ein tiefer Kamin die grauen Platten. Er endet dort droben bei dem markanten Zacken, der vom Schöllhornkar wie der Gipfel ausgesehen hat. Wir wissen allerdings, dass dort droben erst das erste Band beginnt und dass wir dort noch nicht mehr als die Hälfte der Wand hinter uns haben werden.
Im Kamin ärgere ich mich wieder über den kurzen Pickel, den wir aus unerfindlichen Gründen mit uns schleppen. Immer wieder bleibt das ekelhafte Ding irgendwo am Fels hängen. Nur gut, dass ich sowieso kein Kaminfreund bin. Ich klettere von vornherein weit draußen, obwohl ich dadurch ein einzigartiges Erlebnis versäume. Mit Rucksack und Pickel in dem engen Kamingrund, das wäre wirklich ein Abenteuer.
Viel haben wir schon von dem ersten Band in der Watzmann-Ostwand gehört und gelesen. Trotzdem sind wir beeindruckt, als wir von unserem schattigen Kamin in die blendende Helle dieser sonnenbeschienenen Plattenstraße aussteigen. Es ist wahrhaft eine Straße, über die wir uns jeder mit einem Zehntel-PS hinauf bewegen. Das Band ist etwa 45 Grad geneigt und von zahlreichen Wasserrinnen durchzogen. Eine dieser Rinnen bildet den Abfluss einer kleinen Höhle. Und sie führt tatsächlich Wasser. Wasser in einer Kalkwand, daran kann man nicht vorüber gehen.
Die Höhle ist eigentlich gar nicht so klein. Das sehen wir, als wir uns darin zur Rast nieder lassen. Aber diese Landschaft ist eben zyklopisch. Sie sprengt jedes Maß. Hartmut lümmelt genießerisch auf den sonnenwarmen Platten und schlürft die heiße Ovomaltine, die wir uns gekocht haben. Den Blick auf St. Bartholomä und den Königssee bekommet er dazu. Plötzlich dreht er sich um und sagt:
 - Wenn ich einmal alt und verheiratet bin, komme ich mit Frau und Kindern hierher zur Sommerfrische.
Ich kann mir zwar nicht recht vorstellen, wie er seine Familie über den Salzburgerweg hierher transportieren will. In dieser schnurrenden Zufriedenheit des Mittags bin ich aber viel zu faul, um mich auf Debatten einzulassen. Beim Abschluss des ersten Bandes müssen wir noch eine schwierige Stelle überwinden. Dann versorgen wir das Seil und steigen gleichzeitig weiter, hinauf durch die Gipfelschlucht. Noch hunderte Meter Fels liegen vor uns. An den Watzmannkindern messen wir unseren Höhengewinn. Im Vorbeigehen werfen wir einen Blick in die Biwakschachtel. Ihr Zustand veranlasst den Freund zu der Bemerkung, dass es in Berchtesgaden auch kletternde Schweine geben müsse. Weiter geht’s; manchmal im kühlen Schatten der grauen Felsen, manchmal in der Hitze sonnenwarmer Bänder und Wandeln. Allmählich spüren wir den sanften, fächelnden Wind an unseren verschwitzten Körpern immer deutlicher. Gipfelnähe!
Und dann steigen wir die letzten Meter durch den Schotter hinauf zum Südgipfel des Watzmann. Blau ist der Himmel, und ich könnte eine wunderbare Sicht beschreiben über einsame und bekannte Berge, wenn ich nicht zu bequem wäre, auch nur einen einzigen Blick auf die Karte zu tun. In feierlichem Zeremoniell zerreiße ich die Routenbeschreibung, die ich aus dem AV-Führer durch die Berchtesgadner Alpen abgeschrieben habe und übergebe die Papierschnitzel dem Gipfelwind, der sie zögernd hinunter trägt ins Wimbachgrieß. Hartmut hat zwischen den verbogenen Haken und dem wirren Wust der Reepschnüre in unserem Rucksack eine verschrumpelte Zitrone entdeckt und präsentiert sie mir mit strahlendem Lächeln.

Rendezvous am Dachstein


Mit Ächzen und Hauruck wuchten wir unsere Rucksäcke auf das Dach des Postautos in Schladming. Der Fahrer schüttelt den Kopf:
- Die wiegen ja gut und gern dreißig Kilo.
- Fünfzig und einundfünfzig, antworte ich wie aus der Pistole geschossen. Wir haben die Säcke vorher auf dem Bahnhof abgewogen.
Vom Karlwirt keuchen wir zu Fuß bergan. Damit niemand benachteiligt ist, werden wir die Säcke halbstündig wechseln. Als werfen wir auf die Minute genau die schweren Trümmer ins Gras und biegen das Kreuz gerade. Dann helfen wir uns gegenseitig wieder in die Marterschlaufen der Tragriemen und trotten weiter. Das letzte steile Stück hinauf zur Austria-Hütte wird uns recht sauer. Tief schneiden die Riemen in die Schultermuskeln und die Adern an Stirn und Hals treten hervor. Bei der Hütte gleiten die Säcke wie von selbst zur Erde und wir setzen uns gleich daneben. Ein wetterschwerer Wind treibt die Wolken vom Westen über den Einschnitte des Tores unter dem Torstein. Die gewaltige Mauer der Dachstein-Südwände ist jetzt, mitten im August, weiß vom Schnee. Die breiten schwarzen Wasserstreifen auf dem hellen Kalk der Wände mögen einem Fotografen als Kontraste hoch willkommen sein. Uns sagen sie nur, dass man hier noch lange nichts machen kann. Wir treten in die Gaststube. Mitleidige Rufe empfangen uns. Dann dampft er Schmarrn vor uns auf dem Tisch und während wir rastlos kauen, ruhen unsere Blicke stolz auf den beiden Rucksack-Ungetümen, den sichtbaren Zeichen unseres Fleißes.
Mit Mutter Reiter haben wir uns bald geeinigt. Wir beziehen das Matratzenlager im Keller und dürfen sogar selber kochen. In der Nacht schüttelt der Regenwind unsere Fenster und Hartmut murmelt im Halbschlaf:
- Jeder Tropfen hier ist eine Schneeflocke dort droben ...
Am Morgen hört es auf zu regnen und fängt an zu schütten. Den Tag verbringen wir zwischen Nudelreindl, Schachbrett und Strohsack. Anderntags aber hält uns nichts mehr in der Hütte. Das Wetter ist zwar ausgesprochen mies. Aber unser Besuch gilt nur dem Niedertürlspitz, dem Hausberg der Austria-Hütte. Über seine Südostkante erreichen wir in herrlicher ausgesetzter Kletterei eine – Schafhalt. Kaum habe ich Haken und Karabiner von der Brustschlinge genommen und beginne eben, auf meine Leistung stolz zu sein, da äugt bereits das erste Schaf um die Ecke. Das ist wirklich deprimierend. Wenn man bei den Niedertürlspitz-Erstürmern nicht schwere Komplexe züchten will, wird man am Eingang zum Edelgrieß eine Tafel anbringen müssen: Für Schafe verboten!
Den Niedertürlspitz besuchen wir in den folgenden Tagen noch oft. Bei dem Schnee höher droben ist an große Touren nicht zu denken. Und so begleitet uns das Bild der weißen Dachstein-Südwand über die Südostverschneidung, die Neue Ostwandführe und noch einige Flanken unseres Hüttenberges. Manchmal ist allerdings das Wetter so schlecht, dass wir nicht einmal unseren Verzweiflungsberg besuchen können. Dann spielen wir „Fuchs“. Es ist dabei völlig egal, ob ich die Füchse oder die Hühner habe. Hartmut besiegt mich immer. Bitter, denn wir spielen jeweils zehn Spiele um ein Wurstbrot. Und wer dreißig Spiele hintereinander gewinnt, bekommt ein Essiggurkerl.
Unsere Spielleidenschaft wird nur durch die fünf Wurstnudelmahlzeiten pro Tag gestört. Wir sind schon fast vier Wochen zusammen unterwegs und haben inzwischen ein glänzend funktionierendes System fürs Kochen entwickelt. Wenn die Nudeln weich sind, nimmt Hartmut zwei gebrauchte Taschentücher, klemmt den Deckel auf das heiße Aluminiumreindl und saust einen Stock hinauf in den Waschraum, um das Kochwasser abzuseihen. Währenddessen röste ich die Wurst an und wenn der Freund zurück ist, wird serviert. Einmal am Mittag höre ich ein lautes Geschepper droben im Waschraum und gleich darauf heftiges Gefluche. Ich reiße die Wurst von der Flamme und renne hinauf, bereit zu retten, wenn Rettung noch möglich. Durch ein äußerst sinnreich zerrissenes Taschentuch sind Hartmuts Finger mit dem heißen Geschirr in Kontakt gekommen. Das Ergebnis ist – außer einer Bereicherung meines Wortschatzes – ein Nudelberg in der Waschmuschel. Wir fischen die Nudeln heraus. Sie schmecken nur ganz unbedeutend nach Seife. Am Abend gibt’s Spaghetti, eine besondere Delikatesse. Hartmut versichert, dass er diesmal die Nudeln beim Abseihen nicht in die Waschmuschel schmeißen wird. Und er hält Wort. Als ich nämlich auf heftiges Geschepper und Gefluche nach oben eile, liegen die Nudeln nicht in der Muschel sondern auf dem Boden. Hartmut beschwört mich, die dreckigen Spaghetti wenigstens abzuwaschen. Aber das fällt mir nicht ein. Soll ich vielleicht kalte Nudeln essen! Diesmal schmeckt pasta asciutta nicht nach Seife, dafür knirscht Sand zwischen unseren Zähnen.
Man muss nur lange genug warten; es wird immer wieder schön. An einem sonnigen Nachmittag bummeln wir hinauf zur Südwandhütte. Unterwegs treffen wir einen Bergführer, den wir unter anderem nach dem Windlegergrat fragen.
- Dort dürfte der meiste Schnee schon weg sein; am Grat geht das ja immer schneller.
Diese Antwort befriedigt uns sehr. Wir gönnen und ein Bier in der Hütte und hören dabei zwei jungen Wienern zu, die laut und wortreich ihren Entschluss verkünden, morgen den Windlegergrat anzugehen. Wir trinken stumm unser Bier. Erstens wissen wir aus der Literatur, dass der wahre Bergsteiger wortkarg zu sein hat. Zweitens redet man beim Biertrinken nicht, weil das einer Missachtung des edlen Gerstensaftes gleichkommt. Und drittens wissen wir wirklich noch nicht, ob uns das Wetter morgen für den großen Grat recht sein wird. Bald wandern wir zur Austria-Hütte zurück. Auf halbem Weg holt uns der eine den beiden Wiener ein und fragt atemlos:
- Der Bergführer hat uns gesagt, dass ihr morgen auch den Windleger geht?
- Hm, vielleicht, antworte ich. Hartmut tritt mich ins Wadel. Aber der Junge, ich schätze ihn auf sechzehn Jahre, ist nicht mehr zu bremsen.
- Habt ihr was dagegen, wenn wir als zweite, selbständige, unabhängige Seilschaft hinten nachgehen?
- Nein, natürlich nicht. – Wieder bekomme ich einen Tritt.
- Also gut, dann bis morgen. Ihr holt uns bei der Südwandhütte ab, ja?
- Gut, servus.
Wir gehen weiter. Hartmut macht mir Vorwürfe:
- Hör einmal, ich bin keine Kindergartentante. Die sollen ihren Windlegergrat ohne uns machen.
- Aber sei schon ruhig. Schließlich bist Du grad ein paar Jahre älter als er. Und Du hast ihn doch erzählen gehört. Vierzehnhundert Meter Peilstein-Vierer haben sie an einem Tag gemacht. Und am Peilstein, mein Lieber, da sind die Vierer etwas anderes als bei uns auf der Hohen Wand, wo Du über einen Fünfer noch eine Ziege hinauf treiben kannst.
- Wieso, kennst Du den Peilstein?
- Nein, aber vom Erzählen ...
- Zum Geier, schimpft Hartmut, ich höre immer nur „Erzählen“. Die können sich morgen über den Grat hinauf erzählen. Ich werde jedenfalls keine Minute auf diese famose, selbständige, unabhängige Seilschaft warten. Wenn sie so gut sind, dann braucht der Kerl nicht kilometerweit hinter uns her rennen, nur um uns zu sagen, dass wir morgen das Vergnügen seiner Bekanntschaft haben werden.
Hartmut ist noch immer fuchsteufelswild, als er sich am Abend in seinen Armee-Schlafsack verkriecht. In dieser sinnreichen Konstruktion, die er bei einer Auktion amerikanischer Überschussgüter billig ersteigert hat, ist er hilflos wie ein Wickelkind. Und sehr warm ist der Sack auch nicht. So fällt mir die Aufgabe zu, ihn allabendlich in die Decken einzurollen. Heute aber wird mir diese Gunst entzogen:
- Spar Deine Kräfte, sagt er, Du hast morgen ohnedies zwei Säuglinge zu betreuen.
Und für diesen Gag friert er eine ganze Nacht. Aber mir soll’s recht sein. Außerdem finde ich, dass er maßlos übertreibt. Sicher haben die beiden Jungen ziemlich viel geredet da in der Südwandhütte. Aber das tun wir ja auch, hin und wieder. Was haben wir an den Abenden im Hubertushaus nicht schon alles erstürmt, wenn die Flaschen auf dem Tisch immer mehr und die Nordwände immer harmloser wurden. Mit dem beruhigenden Gedanken an vierzehnhundert Meter Peilstein-Vierer schlafe ich ein.
Anderntags scheppert schon und halbzwei Uhr früh der Wecker. Der Weg st lang und ein Biwak verträgt sich schlecht mit meinem Hang zur Bequemlichkeit. Sicher gibt es Leute, die den gesamten Windlegergrat auf den Torstein in vier Stunden begangen haben. Aber ich zweifle heftig, dass wir zu diesen Leuten zählen. Vor der Südwandhütte warten wir von drei Uhr bis halb fünf. Die beiden Hübschen haben ein Tempo, bis sie aus den Federn kriechen! Langsam nagt auch an mir der Wurm. Umso mehr, als ich selber nicht gern zeitig aufstehe. Immerhin, es ist erst sechs, und wir sind schon am Einstieg. Mit knappen, sparsamen Bewegungen binden wir uns an und richten das wenige Kletterzeug. Hartmut nimmt den Rucksack. Ich steige voran. Hier handelt es sich vor allem ums Wegfinden. Und trotz mancherlei Enttäuschungen vertraut er mir dabei noch immer mehr als sich selbst. Schon nach der ersten Seillänge habe ich mich frei geklettert. Manchmal bedarf es wirklich nur einiger Schrofen, und die hässliche Morgenstimmung ist weg. Weit drüben glänzen die weißen Tauern, und die Sonne verjagt die letzten Nebel im Tor-Boden. Wird das heute ein guter Tag?
Auf dem ersten Gratabsatz sitzen wir uns warten auf das Erscheinen der selbständigen, unabhängigen Seilschaft. Selbst Hartmut ist der Ansicht, dass wir mit unserer gestrigen Zusage doch auch eine gewisse Verantwortung übernommen haben.
- Schuld bist Du, Du Blödian, schimpft er mit mir; wesentlich friedlicher allerdings als gestern abends. Wir müssen eine Dreiviertelstunde warten, bis die beiden auftauchen. Harmut sagt:
- Hört einmal, das geht so nicht. Wir wollen nach Möglichkeit noch in diesem Urlaub auf den Gipfel kommen. Machen wir halt zwei neue Seilschaften. Einer von Euch geht mit dem Peter, einen nehme ich.
Unsere selbständige Seilschaft ist sofort einverstanden. Mein neuer Partner ist der Schwächere der zwei. Das ist mit Absicht so eingeteilt, weil ich weiter voran steigen werde. So sind wir ziemlich sicher, dass Hartmut immer dran bleiben kann. Nun beginnt der lange, lange Weg über den Grat. Die beiden Burschen sind wirklich nett, und vor allem Hartmuts Partner, der die selbständige Seilschaft auf den ersten Gratabsatz geführt hat, wäre durchaus imstande, diese Tour als Seilzweiter ohne Mätzchen zu machen. Aber allein wären die beiden wohl nur mit viel Glück hier hinauf gekommen. Ihre Kommentare zur Wegsuche zeigen, dass sie sich über eine Routenbeschreibung und deren Anwendung in einer großen Wand noch keine Gedanken gemacht haben. Und je höher wir kommen, desto matter werden sie. Mein Zweiter braucht auch für eine harmlose Seillänge rund drei Mal so lang wie ich. Und wenn ich Stand mache, suche ich gleich nach einer Möglichkeit, ihn anzubinden. Ich habe Angst, dass er mir beim Sichern einschläft und runter fliegt. Nein, ich bin selber alles andere als ein Klettergott, und für meine Fähigkeiten habe ich noch immer viel zu große Rosinen im Kopf. Aber spätestens beim Einstieg einer Wand weiß ich wieder genau, wo meine Träume aufhören und die Wirklichkeit anfängt.
Wenn das hier gar so zäh weiter geht, wenn ich an den wenigen Viererstellen massiv ziehen muss, dann bin ich schon versucht, eine Stinkwut auf das andere Ende meines Seiles zu haben. Aber dann taucht der Junge auf, ein bissl ängstlich die Augen, ein zaghaftes Lächeln um den ausgedörrten Mund, und ich kann nicht anders, ich muss ihn gern haben. Ich versuche erst gar nicht, ihm einiges von den wenigen Tricks beizubringen, die ich mir schon angeeignet habe. Er würde das sicher nicht mehr aufnehmen, gerade nur als Kritik auffassen. Ich lobe ein bisschen, und in den immer häufiger werdenden Pausen zeige ich ihm die Berge, soweit ich sie kenne, erzähle Geschichten, erfundene und wahre. Wirklich, ich glaube, dass ich einer guten Kindergartentante alle Ehre mache. Hartmut grinst unverschämt. Aber noch viele meiner künftigen Tourenpartner werden meine sprichwörtliche Geduld diesem Jungen verdanken. Und sie werden es nicht wissen.
Dreizehn Stunden brauchen wir für den Grat. Eine schöne Freigehstelle reiht sich an die andere. Das berühmte Fenster, durch das man auf die andere Seite des Grates wechselt, um über dachartige Felsen den Weiterweg zu suchen, ist eingefasst von weißen Schneebändern und schneidet ein kleines tiefblaues Stückerl aus dem Himmel. Aber wie soll man das alles genießen, wenn man andauernd Biwakgedanken wälzt. Um halbacht Uhr abends sind wir auf dem Gipfel. Im aufziehenden Nebel finde ich zu meiner eigenen Verwunderung sogar die Steinmänner, die uns zur Torsteinwechte leiten werden. Der Abstieg ist also gesichert. Und wenn wir erst drunten auf dem Gletscher sind, kann es ruhig Nacht werden. Wir werden heute auf alle Fälle in der Adamekhütte schlafen ... Nichts werden wir! Mein Seilgefährte hat seinen Rucksack droben auf dem Gipfel vergessen. Das habe ich nun wirklich nicht bedacht, dass ich auch noch für die Sachen meines Zweiten verantwortlich bin. Hartmut wird den Sack holen. Er enthält sich mir gegenüber jeder giftigen Bemerkung. Das rechne ich ihm hoch an. Wir suchen inzwischen einen Biwakplatz und finden einen großen Block mit einer kleinen Schuttstufe davor. Wir spannen ein Seilgeländer und richten uns ein. Es ist schon dunkel, da kommt Hartmut angepoltert und überreicht mit großer Geste den Rucksack. Immerhin, er musste nach dem langen Tag auf dem Grat zweihundert Meter hinauf und wieder hinunter klettern – für ein Dankeschön. Nun beginnt der gemütliche Teil. Die drei Wurstbrote, die wir als Tourenproviant mit hatten, sind zwar schon längst in unseren hungrigen Mägen verschwunden. Aber unsere neuen Freunde sind besser ausgerüstet. Sie haben einen Spirituskocher mit. Von einem  nahen Schneefeld besorgen wir das Wasser. Und bald gibt es Grießnockerlsuppe. Als ich dann, angenehm gewärmt von den Kameraden, an der unvermeidlichen Zigarette sauge, bin ich geneigt, die Lage sehr positiv zu beurteilen. Zwar sind die Abendnebel ziemlich hartnäckig. Und man weiß nicht, was sich in diesem Gebräu abspielt. Doch im Augenblick können wir nichts anderes tun als warten. Mit einem eventuellen Wettersturz werden wir uns morgen beschäftigen.
Mit Hartmut verabrede ich noch, dass wir um Mitternacht Platz tauschen. Wahrscheinlich aber habe ich die Kindergartentante doch zu penetrant gespielt. Jedenfalls lässt mich der Freund bis zum Morgen durchschlafen, obwohl er an der ungeschützten Windseite stark friert und immer nur viertelstundenlang einnickt.
Über der Torsteinwechte liegt der Saum der Morgensonne. Herrlich, dieser Tag! Ich bin ausgeschlafen. Es besteht nicht der geringste Grund zur schlechten Laune. Und wenn sich der Heimweg über den Dachstein und die Hunerscharte auch noch so zieht, einmal hat auch er ein Ende. Vor der Südwandhütte  verabschieden wir uns von den beiden Jungen. Und Hartmut gibt ihnen den Rat, auf keiner ihrer künftigen Touren hier die langen Unterhosen zu vergessen. Er tut dies mit der ihm eigenen Trockenheit, sodass man es wirklich nur für einen guten Rat halten könnte.

An den folgenden meint der Wettergott uns wieder unterhalten zu müssen. Pausenlos klatscht der Regen an die Scheiben. In meiner Verzweiflung lese ich sogar Oliver Twist, den ich aus der Hüttenbibliothek gegraben habe. Und eines Tages öffnet sich die Tür der Austria-Hütte und ein Wasserschwall spült zwei triefende Gestalten herein: Erich und Dieter. Jetzt sind wir vier zum Bauernschnapsen.
Allmählich merkt man, dass sich die Wiener Neustädter Jungmannschaft hier verabredet hat. Sepp kommt mit seiner Führungstour aus den Schladmingern und Lilo von einer Autostoptour aus Holland. Edith erscheint voller Auftrieb mit ihren Eltern. Und  dem ist der Wettergott anscheinend doch nicht gewachsen. Wenige schöne Tage nur mit heißer Augustsonne braucht es, und der meiste Schnee aus den Wänden taut weg. Wir verbringen diese Tage je nach Temperament in den Felsen des Niedertürlspitz oder bei den Heidelbeeren.

Am Einstieg der Kubasek-Rois-Führe durch die Torstein-Südwand binde ich mit Edith ans Seil. Tausend Meter Fels wachsen über uns in den blassen Morgenhimmel. Aber wir halten uns nicht mit solchen Betrachtungen auf. Schon nach wenigen Seillängen in der großen Wand spüre ich wieder diese unbändige Freude am Klettern. Das Kar versinkt unter unseren Füßen. Der graue Fels wird zum Freund. Trotzdem ist es gut, in dieser Wand nicht allein zu sein, die Kameradin drunten zu wissen, die den Lauf des Seils überwacht und gelegentlich ein kurzes Wort herauf ruft. Ja, man kann sich auf Edith verlassen. Ich bin schon an der Hohen Wand und der Rax mit ihr geklettert und weiß: Dort, wo ich hinauf komme, wird sie sicher nachsteigen. Wir haben einen Schuttkessel erreicht. Riesengroß erscheint er uns, wie ein Fußballplatz. Wir wandern still über Altschnee und Geröll. Das ist es, das Abenteuer Berg: nicht Stürze ins Seil oder hochdramatische Rettung im Schneesturm; einfach ein Schuttkessel mitten in der Wand. Eben noch habe ich auf einer glatten Rampe die Tritte suchen müssen. Nun spazieren wir nebeneinander, hunderte Meter überm Kar. Und sind neugierig, was hinter dem nächsten Eck auf uns wartet.
Tiefe, dunkle Höhlen sind in den Berg gesprengt. Wir rufen hinein. Das Echo kommt zurück wie aus einer anderen Welt. Die Standplätze richten wir, wann immer es geht, in diesen Löchern ein. Der Ruf „Nachkommen“ klingt wie das zornige Brummen eines Höhlenbären. Wir sind zwei verspielte Kinder, die sich über die Wand hinauf albern. Bei einem Steilaufschwung im Mittelteil der Wand müssen wir wieder ernst werden. Der Originalweg von Kubasek benützt hier einen nassen, schwarzen und überhängenden Risskamin. Das schaut grausig aus. Aber rechts drüben lockt die Maix-Variante, eine Rissreihe vom vierten Schwierigkeitsgrad, luftig und hell wie der Tag heute über dem weiten Land am Dachstein. Wunderbar ist diese Kletterei. Als echter Kavalier seile ich den Rucksack auf, dass Edith den griffigen, festen Fels unbeschwert genießen kann. Der abschließende Überhang vom fünften Grad ist mit einem Haken gebändigt. Er ergibt sich leicht. Ich klebe über der Platte, die über dem Wulst ansetzt, da kommt das Seil nicht nach. Ich ahne zwar dunkel, dass der Strick durch den Haken blockiert ist, in den ich bloß einen Karabiner gehängt habe. Trotzdem brülle ich lautstark hinunter:
- He, schläfst Du?! Lass gefälligst nach, ich komme keinen Zentimeter voran.
Da piepst das weibliche Ende meines Seiles:
- Aber es ist doch ganz locker bitte, wirklich!
Was habe ich da angestellt! Hartmut hätte bloß geantwortet: Halt den Mund und zieh selber an, is eh locker. Ich muss meine Sprache wirklich sorgfältiger wählen. Das ist unerlässlich, wenn man mit Mädchen klettert.
Nach dem Plattenabenteuer gehört die Wand uns. Über gestuften Fels suchen wir unseren Weg. Bald sehen wir hinüber zur Torstein-Wechte, auf dessen weißer Kante vier dunkle Striche stehen. Hartmut hat mit Klaus den Südpfeiler gemacht, Erich und Dieter haben den Windlegergrat in sechs Stunden überrannt. Sie sind alle vier schon im Abstieg. Wir rufen ihnen zu, dass wir am Abend nicht in der Austria-Hütte sein werden. Ich habe nämlich mit so vielen Superlativen von der Hochkesselkopf-Verschneidung erzählt, dass Edith diesen Weg unbedingt kennen lernen will. Wir werden also zur Adamek-Hütte absteigen und morgen den Hochkesselkopf besuchen. Knapp vor der Hütte bildet das Schmelzwasser des Gletschers einen kleinen See. Da sitzen wir lange. Im Schattenlicht des beginnenden Abends sehen die Buckel des Gletscherschliffs aus als wären sie aus Blei. Die Felsberge dort droben über dem kalten Schnee wirken wie eine Theaterlandschaft. Gut ist es, so zu sitzen, zufrieden mit dem Tag, der vergangen ist. Und gut ist es zu wissen, dass noch viele Tage in unserem Leben so vergehen werden. Ein Traum ist erfüllt. Doch die Sehnsucht ist schöner als die Erfüllung. Nie, nie möchte ich ohne Sehnsucht leben.

Zum Einstieg der Hochkesselkopf-Verschneidung sollte man über den Sulzenhals gehen. Was haben wir doch im Vorjahr, als wir von der Hofpürglhütte kamen, mit der Einstiegs-Sucherei im Latschenvorbau an Zeit vertrödelt. Nun sehe ich vom Sulzenhals eine Schuttrampe, über die wir in Minutenschnelle den Schrofenkessel am Beginn der Verschneidung erreichen. In der kühlen Höhle, die mir vom Vorjahr noch so angenehm in Erinnerung ist, seilen wir an. Seltsame Tropfsteingebilde aus Eis gibt es da und als ich ein Streichholz anzünde, um die übliche Zigarette in Brand zu setzen, funkelt es wie in einer Märchenwelt.
Die unvergleichlichen Kletterstellen der Verscheidung erlebe ich heute wie einen Kletter-Rausch. Wir führen abwechselnd, also kann jeder in diesem griffigen Fels achtzig Meter in einem Zug rennen. Das ist Klettern in Vollendung.
Auf dem Gipfel des Hochkesselkopfes beginnt die Tragödie. Die Sonne scheint, es ist heiß und die Bachlalm ist von hier aus weit näher als die Austria-Hütte. Andrerseits ist der Weg über die Bachlalm ein Umweg. Mit meinem Durst könnte ich diesen Umweg einem ehrgeizigen Klettermädchen wohl nicht schmackhaft machen. Aber ich habe gehört, dass der Steiner Irg auf der Bachalm sein soll. Und den legendären Bezwinger der Dachstein-Südwand, den sollte man doch persönlich kennen gelernt haben, nicht wahr.
Den Irg lernen wir natürlich nicht kennen. Dafür treffen wir Bekannte von Edith. Das ist erfreulich. Als ich nämlich mit meinem Durst fertig geworden bin, ist es schon finster. Wir können uns aber eine Taschenlampe borgen. Und dann beginnt der Leidensweg nach Hause. Als ich mich endlich unter die Decken im Matratzenlager verkriechen kann, kündige ich für morgen einen Rasttag an.

Halb neun ist es am nächsten Tag, da schlurfe ich gähnend vor die Hütte. Über der Dachstein-Südwand spannt sich ein makellos blauer Himmel. Der weiße Saum des Gletschers glänzt in der Windluke. Und inmitten all dieser Pracht sitzt Kurt Maix, hat einen Feldstecher vor den Augen und beobachtet seine Kante am Hohen Dirndl. Hartmut und Erich sind heute dort droben. Schüchtern frage ich an, was den der Erstbegeher der Dirndl-Südwest-Kante von der Möglichkeit eines Aufbruches so spät am Vormittag hält. Maix antwortet:
- Ich will euch ja nicht als schlechtes Beispiel dienen. Aber ich bin mit Wolfgang Höfler bei der ersten Begehung um zwei Uhr nachmittags eingestiegen.
Dafür steht auch Kurt Maix in deinem Taufschein, denke ich noch. Dann renne ich um das Seil und ums Kletterzeug. Um zwölf Uhr mittags stehen wir am Fuß der Dirndlschlucht. Schon beim Zustieg haben wir nach unseren beiden Freunden Ausschau gehalten. Jetzt entdecken wir sie im Mittelteil der Kante.
- Du, die sind noch gar nicht hoch, sagt Edith. Wenn das so schwer ist, sollen wir da überhaupt noch einsteigen?
Aber diesmal bin ich auf Durchbruch eingestellt. Von der Austria-Hütte bis hierher geht man gut und gern drei Stunden. Das soll vielleicht vergebens gewesen sein?!
Die Schlucht hat sich als Firnfeld getarnt. Weich wie Schmierseife ist der Schnee in der Hitze des Mittags. Man weiß nie: Hält das Zeug oder rutscht es weg. Ich bin froh, als wir die Schrofenmulde am Beginn des mittleren Kantenaufschwunges erreicht haben. Steiler Fels ist mir lieber als steiler Schnee.
Von hier können wir auch die Freunde gut sehen, die sich zweihundert Meter höher droben in roten Überhängen plagen. Aber was ist denn das: Ich bin sicher, die gehen neben der Straße. Nach der Beschreibung müssten sie viel weiter rechts sein. Dort, wo Hartmut eben hängt, scheint ja die Welt zu Ende. Und Erich steht mit gespreizten Beinen in seltsam verkrampfter Stellung einige Meter unter ihm. Das muss also ein schlechter Standplatz sein, und davon steht auch nichts im Führer. Wir versuchen, Rufverbindung herzustellen. Aber die beiden kleben wohl mit den Ohren am Fels. Sie antworten jedenfalls nicht. Auf dem Rasenplatz vor dem Zehn-Meter-Riss angekommen schaue ich wieder nach oben. Nun sehe ich, dass sie abseilen. Der wüste Riss in den roten Überhängen ist also ein Verhauer. Ich muss sagen – so roh das klingen mag – ich bin ehrlich beruhigt. Hartmut klettert um nichts schlechter als ich. Wenn er auf der Originalführe so lange gebraucht hätte, wäre uns ein Biwak sicher. Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder dem Riss zu. Drei Haken stecken in den folgenden zehn Metern. Maix hat das ohne Eisen gemacht. Ich bi aber wirklich um jeden Haken froh. Die alpinen Päpste unserer Zeit haben den Riss mit Fünf minus bewertet. Dafür tragen einige Eisenleitern des Stempel Sechs plus. Es gibt schon kuriose Ansichten über Kletterschwierigkeiten.
Nach dem Zehn-Meter-Riss erreiche ich eine schöne Nische. Sie wird von einer abgesprengten Felsplatte gebildet und bietet guten Stand. Von hier sehe ich auch den Grund für Hartmuts Verhauer. Über der Nische setzt ein Riss an, den man entsprechend der Anstiegsbeschreibung nach einigen Metern verlässt, um in einen Parallelriss zu queren. Der Riss Nummer eins leitet nach links in die rotgelben Überhänge, die schon vom Einstieg grausig genug ausschauen. Und in der Fortsetzung des Risses stecken Haken. Man kann hier durchkommen. Das haben zwei Deutsche bewiesen, die wir wenige Tage später in der Austria-Hütte treffen und über diesen ihren Weg ausfragen. Aber es gibt dem Vernehmen nach dort einige saftige Sechserstellen zu überwinden. Freund Hartmut ist jedenfalls ohne Skrupel den Haken nach geklettert. Und nun rauft er dort droben mit den Würmern. Ich rufe einige schadenfrohe Kommentare hinauf, bekomme aber wieder keine Antwort. Was haben die bloß?
Ich steige in den Riss ein und verlasse ihn nach wenigen Metern, um den rechten Spalt zu gewinnen. Er drängt ab, hängt vielleicht ein bisschen über. Es gibt aber eisenfeste Griffe darin, genau dort, wo man sie braucht. Ich sehe mich schon droben auf der kleinen Kanzel sitzen, mit der mein Riss endet, und dem Rückzugsabenteuer zuschauen. Mittlerweilen kommt als Gruß der beiden ein Felstrumm angeflogen, groß wie eine mittlere Wassermelone und landet auf meinem rechten Schulterblatt. Ich möchte schreien, so weh tut das. Der Schmerz ist so stark, dass mir schwarz vor den Augen wird. Ich denke ganz bestimmt nichts in diesen Sekunden. Trotzdem bleiben meine Finger um die Griffe gekrallt, und ich bin ihnen hinterher sehr dankbar dafür. Als ich wieder normal atmen kann, quetsche ich mich in den Riss hinein. Dabei merke ich, dass mir weiter nichts passiert ist. Nur den plötzliche, intensive Schmerz hätte mich beinahe aus der Wand geschmissen. Der steinerne Gruß aus dem Freundeskreis war wohl auf einen Nerv gezielt.
Auf der Kanzel angelangt kann ich die Freunde bei der Arbeit sehen. Und da bleiben mir alle Vorwürfe im Hals stecken. Sie haben sich mitten in die glatte Kante geseilt. Die Abseilstationen sehen irrsinnig aus. Hartmut ist nur mehr zwanzig Meter über mir. Er hat sich mit einem kuhstrickähnlichen Gebilde an einen einzigen Haken gebunden. Soweit ich es von hier beurteilen kann, möchte ich an diesen Haken nicht einmal meinen Hut hängen, wenn ich einen Hut hätte. Noch dazu muss Hartmut diesen Haken voll belasten, weil es da droben absolut keinen Tritt gibt. Zwanzig Meter über ihm bastelt Erich am Seil. Nein, so geht das nicht. Wenn Erich sich nun abseilt, dann müssen sich beide an den windigen Stift hängen. Sie müssen das Seil abziehen, durch diesen wackligen Haken fädeln, und erst dann kann Hartmut weiter fahren. Das kann gut gehen. Die Chancen, dass es schlecht geht, sind aber bedeutend größer. Ich schreie hinauf, dass Erich warten soll und treibe Edith zur Eile. Bald ist sie bei mir. Wir binden uns los. Erich lässt das Seil die ganzen vierzig Meter herunter, und wir knoten unseres dran. Nun können sie in einem Zug abfahren. Dass die beiden recht froh darüber sind, sehen wir an ihrer enthusiastischen Begrüßung. Hartmut will nicht weiter führen. Er hat einfach genug. Ich soll meine Seilschaft teilen, meint er. Edith würde dann einen der beiden Knaben ans Bandl nehmen. Ich bin dagegen. Zwar glaube ich, dass Edith den Weiterweg auch als Seilerste schaffen würde. Aber ich bin auch sicher, dass Hartmut die Sache meistern wird, wenn er erst wieder zur Ruhe gekommen ist. Also setzen wir uns nieder, kauen Dörrzwetschken und hören uns den Bericht über den kühnen Verhauer an. Zwischendurch schauen wir in die Dirndlschlucht. Dort rinnt das Schmelzwasser und gluckst und tropft über nasse Felsen. Die Zeit vergeht.
Die Seilschaften sind unverändert, als wir wieder aufbrechen. Der Weiterweg gibt nun keine Probleme mehr auf. Im Hundert-Meter-Kamin wartet nichts anderes als herrliche Spreizkletterei auf uns. Wenn ich beim Nachsichern von Edith hinunter schaue, merke ich, dass Hartmut seinen Seelenfrieden wieder gefunden hat. Mit gewohnter Päzision ist er meiner Seilzweiten auf den Fersen. Knapp unter dem Gipfel wird es noch einmal lustig. Die Erstbegeher haben hier den naturgegebenen Anstieg durch den Gipfelkamin verabscheut, sind erst ein Stück an der Kante geklettert, um dann in den Kamin hinein zu queren. Wahrscheinlich, weil es doch ein Weg über die Südwestkante werden sollte. Wir folgen den beschriebenen Pfaden. Als die Kante immer abweisender wird, schaue ich einmal nach links ums Eck. Da sitzt in der Schrofenmulde knapp unter dem Gipfel eine kombiniete Seilschaft, Männlein und Weiblein, und späht recht ratlos in die Gegend. Ich muss wohl wie eine Fata Morgana an der Kante aufgetaucht sein. Sofort schreit der Bursch herber:
- Weißt du, wo der Ausstieg aus der Südwand ist?
- Nein. Aber wir sind in zehn Minuten auf dem Gipfel. Dann werden wir weiter sehen.
Wieder einmal habe ich eine große Wand unterschätzt. Wir brauchen mehr als eine halbe Stunde, bis wir uns droben im Abendlicht die Hände zum Gipfelgruß geben können. Und da sehen wir die beiden aus der Südwand schon auf dem Gletscher, im Abstieg.
Für unseren Abstieg vom Hohen Dirndl wählen wir die Nordwest-Flanke, weil das so iemlich der dümmste Heimweg ist, den man machen kann. Den Westgrat zur Dachsteinwarte hätten wir nehmen müssen; er ist schneefrei und kurz. Die Flanke hingegen sieht nur kurz aus. Man darf sich darin eine hübsche Zeit lang mit Schnee und nassen, brüchigen Felsen amüsieren. Endlich erreichen wir die Hunerscharte. Es ist so finster, dass man wirklich die berühmte Hand nicht vor den Augen sieht. Demgemäß kann’s nicht mehr finsterer werden. Knapp vor Mitternacht sind wir zu Hause.

Vor der Austria-Hütte sitzen wir faul in der Sonne. Die Freunde sind alle schon heim gefahren. Nur mehr Inge, Hartmut und ich halten die Stellung. Da auch Hartmut morgen abfahren wird, müssen wir heute noch eine schöne Tour machen. Der Vormittag ist schon so weit vorgeschritten, dass ohnedies nur mehr der Niedertürlspitz in Betracht kommt. Aber wir können uns nicht entschließen, in dieser drückenden Hitze loszuziehen. Endlich zu Mittag raffen wir uns auf und schleichen hübsch langsam zum Einstieg der Steiner-Goedl-Führe durch die Türl-Süd. Kasum aber spüren wir den Fels in den Fingern, ist unsere Müdigkeit und Faulheit wie weg gepustet. Wir rennen die Wand förmlich hinauf. Das Training eines langen Bergsommers lässt uns diesen Anstieg im oberen vierten Schwierigkeitsgrad als problemlos leicht genießen. Auch Inge hält munter mit. Und als sich auf dem Gipfel heraus stellt, dass wir als Dreier-Seilschaft für die ganze Süd nur eine und eine halbe Stunde gebraucht haben, da ist auch Hartmut mit seinem Urlaubsausklang restlos zufrieden. Wer niemals jung gewesen, der werfe den ersten Stein.

Anderntags hängt der Nebel tief über die Südwand. Hartmut verabschiedet sich, vergraben unter seinem Riesenrucksack. Heute wissen wir noch nicht, dass das unser letzter gemeinsamer Bergsommer war. Ich lache, wie er unter seiner Last den steilen Weg hinunter schwankt. Und ich winke ihm noch einmal, bevor ihn der nasse Wald verschluckt.
Inge und ich können heute nichts besseres tun als den Tag für einen Übergang ausnützen. So schultern auch wir unsere Säcke und neben den Sieben-Stunden-Schlauch unter die Füße, der uns über Filzmoos und die Hofpürglhütte zur Theodor-Körner-Hütte im Gosaukamm bringen wird.Wie wir um die Mittersulz biegen, glüht über uns die Nordwand der Bischofsmütze im Abendrot. Für Augenblicke vergessen wir die schweren Rucksäcke und schauen. Dann aber meldet sich wieder der Redalist in mir und ich brumme:
- Das kann ja morgen schön werden!
Es wird auch schön. Es regnet!
Von der Theodor-Körner-Hütte ist mir neben einer freundlichen Hüttenwirtin nur mehr die Unmenge an alten Zeitschriften in Erinnerung, die wir dort verschlungen haben. Es schüttet mit kleinen Pausen drei Tage lang. Voll Verzweiflung essen wir Wurstnudeln, lesen und schlafen. Die Zahnruine, an der ich mir zu Urlaubsbeginn eine Riesenplombe ausgebissen hatte, meldet sich und beschert mir ereignisreiche Nächte. Und einmal stapfen wir in einem Anfall von Hüttenkoller durch einen Morast, der uns fast die Bergschuhe auszieht, zur nahen Stuhl-Alm um ein Glas Milch. Dass wir hier solange aushalten, ist neben meinem Eigensinn und Inges Sanftmut der Nordkante des Nördlichen Mandlkogels zuzuschreiben. Ich habe ein Bild von dieser Kante gesehen mit dem idealen, geradlinigen Anstiegsverlauf. Und ich kenne die Geschichte von Paul Preuß, dem kühnen Alleingänger, der an dieser Kante den Tod fand. Ich will diesen Weg einfach kennen lernen.
Der Morgen, an dem wir schließlich starten, zeichnet sich nicht durch besonders schönes Wetter aus. Ich habe dieses undefinierbare Zwischendurchwetter nie gemocht. Wenn es schön ist, bin ich natürlich zufrieden. Aber auch gegen richtig schlechtes Wetter habe ich nichts. Es kann ja doch nicht mehr schlechter werden. Und egal ob man nun aufbricht oder zu Hause bleibt, man weiß, woran man ist. Dieser rußig graue Himmel heute begeistert mich aber wirklich nicht. Ich kann mich nicht mit ruhigem Gewissen umdrehen und weiter schlafen. Es ist aber auch nicht sicher, dass das Wetter halten wird. Und gerade heute, in dieser steilen Freikletterei, kann ich auf die Späße eines launigen Petrus verzichten.
Auf dem Schrofensockel der Mandlkogel-Nordwand vergesse ich endlich meine Bedenken. Scharf trennt die Kante die dunklen Flächen von Nord- und Westwand. Wir übertragen die feine Linie unserer Routenskizze in die Wirklichkeit. Zunächst verläuft der Anstieg etwas links von der Schneide, die auf zweihundert Meter gegen die Westwand hin ständig überhängt. Der Fels ist locker; das macht mich unsicher. Lange dauert es, bis ich mich freigeklettert habe. Knapp vor dem Absatz im Mittelteil der Kante löse ich einige Steine. Sie fallen bis hinunter ins Kar ohne einmal an der Wand aufzuschlagen. So luftige Anstiege im vierten Schwierigkeitsgrad trifft man in den Nördlichen Kalkalpen wohl nicht oft. Über dem Absatz ist der Fels kompakt. Ständig klettern wir nahe der Kantenschneide. Glatte Risse, ein Band, Platten; ein dunkler und nasse Kamin nimmt uns auf. Noch einmal steige ich an die Kante aus. Dann sind wir auf dem Gipfel.
Es gibt Stunden, die ihre Spuren tief in die Erinnerung prägen, ohne dass man weiß, warum. Wir waren den Schwierigkeiten gewachsen, haben keine Aufregung erlebt. Wenn es nur die Freude am Klettern wäre, die Begeisterung über den schnurgeraden Anstieg, die Erinnerung daran müsste hell sein und froh. Sie ist es nicht. Sie ist tief und eindringlich. Ist es die herbe Strenge dieses Berges? Ist es das Wissen um die Geschichte dieses Weges, um den Tod von Paul Preuß? Vielleicht ist es auch nur der noch immer graue Himmel über uns. Oder das Zahnweh.

Einen Tag später verabschiede ich mich von Inge. Sie wird noch im Dachsteingebiet bleiben, während ich mich mit Edith im Haindlkar verabredet habe. Der Rosskuppenkante gilt’s, dem heimlichen Ziel dieses Wurstnudelurlaubs. Nun soll sie doch noch Wirklichkeit werden. Vorerst aber muss ich unbedingt zum Zahnarzt. Die Stockzahnruine in meinem Kauladen ist nicht mehr auszuhalten. In Hüttau finde ich einen freundlichen Dentisten, der mich von meinen Schmerzen befreien will. Er ist auch beim Bergrettungsdienst. So haben wir zunächst genügend Gesprächsstoff. Ich mit dem von der Leitungsanästhesie verschwollenen Mund höre dabei freilich mehr zu. Dann arbeitet der arme Kerl aber eine geschlagene Stunde und fördert, von seiner Frau unterstützt, den Zahn splitterweise zu Tage. Dabei vergeht sogar einem Dentisten das Lachen.
Im Schnellzug nach Gstatterboden hockt eine Gestalt, die der Phantasie von Wilhelm Busch entsprungen sein könnte. Jämmerlich genug schaut sie aus mit der verschwollenen Backe und dem Schneuztüchel um den Kopf. Dank der Aufklärungsarbeit von Schlagertextern weiß ich aber, dass sogar Liebeskummer vergeht. Also braucht man auch für Zahnweh nichts als Geduld und zwei schlaflose Nächte, die ich in der Haindlkarhütte verbringe.

Ich liege auf einem Felsblock unweit der Hütte und träume. Zwei Monate lang bin ich nun schon herum zigeunert in den Bergen. Jetzt gehe ich ganz gern wieder nach Hause. Seebenstein: Der Geruch frisch gepflügter Äcker vor meinem Fenster, die herbstlich braunen Wiesen, der Farbenrausch des Waldes! Hohe Wand: Noch viele Sonnentage im vertrauten, warmen Fels, ehe die ersten Novembernebel kommen. Ja, es wird schön sein. Nur die Rosskuppenkante noch ... Nichts damit! Ein Telegramm liegt für mich in der Hütte. Edith kann nicht kommen. Ich glaube immer mehr, das Haindlkar hat etwas gegen mich. Aber wenn man einmal wegmüde geworden ist, dann fällt der Verzicht nicht schwer. Kühl liegt anderntags die Morgensonne auf der Gesäusestraße. Ich trabe hinunter zum Bahnhof. Ob man nach Hause geht oder fort von daheim, es ist schließlich der gleiche Weg.

Ein Tag im Oktober. Hartmut hat mich zum Essen eingeladen. Nicht in seine Wiener Studenbude, wo wir schon Senf auf süßen Keks verzehrt haben, und wo der Tee immer ein bissl nach Zwiebeln riecht. Nein, beim ihm daheim in Wiener Neustadt bin ich eingeladen. Erwartungsvoll sitze ich am Tisch. Hartmuts Tante stellt ein mächtiges Reindl vor uns hin. Ich hebe den Deckel: Wurstnudeln!!!
Der Freund feixt:
- Damit du endlich weißt, wie so was schmeckt.