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Wetterstein, Wilder Kaiser, Glockner und Gosaukamm 1961 - Sommer in Fels und Firn

 

Drückend heiß ist es und die Morgensonne sticht unangenehm, als wir hinaufgehen von unserem Zelt auf der Wangalm zum Plattenschild der Schüsselkarspitze-Südwand. Der Nebel vom Dienst, den wir von den letzten Tagen her schon kennen, kommt heute recht zeitig. Wir haben uns eben am Einstieg der Herzog-Fichtl-Führe ans Seil gebunden, da verschwinden die Felsen im milchigen Grau. Vorerst wollen wir aber doch ein bisschen einsteigen. Man wird ja weitersehen. Ein mächtiger Pfeiler baut sich vor uns auf. An seinem Fuß schleichen wir eine Weile lustlos herum und suchen den Weg. Da wir in dieser Waschküche ohnehin nichts sehen können, nehmen wir schließlich den erstbesten Riss. Natürlich ist es hier falsch. Immer weiter werden wir nach links an die Pfeilerkante abgedrängt. Und erst ein radikale Querung bringt uns zurück zur Acht-Meter-Verschneidung. Vom Wandfuß hören wir Rufe. Freunde, mit denen wir gestern am Oberreintalschrofen waren, sind in der Südostwand umgekehrt. Wir aber, bockig wie wir sind, machen weiter. In der Verschneidung merke ich, dass das die große Form noch nicht ist, in der ich mich befinde. Das ist arg, wie ich mich plage. Eine kaum sichtbare Traverse verleitet mich wieder zur Querung nach links. Wider bessere Einsicht schinde ich mich in glatten Felsen. Einige unsaubere Tricks und etliche Haken sind nötig, bis ich endlich einen bequemen Stand unter dem Pfeilerkopf erreiche. Hier steckt ein alter Stift. Wir sind also wieder auf dem richtigen Weg. Edith kommt nach und ist in meinem Zick-Zack-Weg einige Zeit beschäftigt. Während sie noch draußen am Pfeiler hängt, erfahren wir endlich, was sich hinter dem Nebelvorhang zusammen gebraut hat. Ein sintflutartiger Regen setzt ein. Heftig poltert der Donner. Die Blitze können wir nicht sehen; aber das ist nur ein schwacher Trost. Die Felswand über mir bildet einen engen Spalt, der nach oben hin in eine Rinne ausläuft. In diesen Spalt quetsche ich mich hinein, um vor dem himmlischen Guss geschützt zu sein. Leider kann ich hier drin nicht sichern. Also muss ich wieder heraus; und in dem Augenblick wird die Rinne wasserführend: Ich stehe im Sturzbach.
Zwischen zwei Donnerschlägen höre ich draußen an der Kante zaghaftes Pochen. Was ist das nun wieder? Ich rufe durch den Regen, der mir ins Gesicht klatscht:
- He, was machst du denn? Komm endlich nach!
Die Antwort meiner Gefährtin verblüfft mich:
- Warte doch; ich muss die Haken heraus schlagen.
Da hängt sie da draußen an der Kante, wohlbewehrt mit Eisen, ein wunderbarer Blitzableiter - und schlägt Haken aus. Ich zerre heftig am Seil und brülle:
- Lass die blöden Haken stecken. Mach dass du reinkommst.
Nun kommt Edith in Windeseile nachgeklettert. Ich verfrachte sie in den Spalt und nun warten zwei zitternde und triefende Bündel, bis der nasse Segen etwas spärlicher fällt.
Der Wolkenbruch hat eine empfindliche Abkühlung gebracht. Als es endlich aufhört zu schütten, lichtet sich der Nebel etwas. Ob wir aber fünf oder zwanzig Meter weit sehen, ist auch schon egal. In unserem desolaten Zustand müssen wirt ohnehin umkehren. Widerlich ist es, sich in den klatschnassen Kletterhosen über eine Vierzig-Meter-Abseilstelle hinunter zu quälen. Aber wie gerne würde ich das in Kauf nehmen, wüsste ich nur, ob der Haken hält, in dem ich da droben die beiden Seile verankert habe. Einem Haken, den ich nicht selber geschlagen habe, traue ich grundsätzlich nicht. Trotz vieler Mühe konnte ich aber nirgends einen zweiten Nagel unterbringen und musste mich mit dem alten, rostigen begnügen. Er ist bis zum Ring in den Fels gehämmert, aber was besagt das schon. Er kann genauso gut zwei wie zwanzig Zentimeter lang sein. Vorsichtig beginne ich mit der Abseilfahrt. Die triefende Schnürlsamthose hat eine unangenehm starke Reibung an den nassen Seilen. Jeder Ruck, mit dem ich mich da hinunter murkse, muss auf den Haken da droben wie ein Hammerschlag wirken. Nein, ich habe wirklich kein gutes Gefühl, wie ich so über den brodelnden Nebeln hänge. Und als dann Edith nachkommt, versuche ich mich mit dem Gedanken zu beruhigen: Wenn der Haken mich ausgehalten hat, wird er das doch wohl auch für ein Mädchen tun können. Die beiden nächsten Abseilschlingen können wir um solide Blöcke legen. Mit einer an Sadismus grenzenden Sorgfalt putze ich den scharfen Kies rundum weg. In solchen Augenblicken habe ich immer enorm viel Zeit. Und Vorwürfe nasser und zähneklappernder Tourenpartner sind mir gänzlich schnuppe. Wir haben nur mehr achtzig Meter bis in das leichte Gelände knapp über dem Wandfuß und ich lege nicht den geringsten Wert darauf, diese achtzig Meter mit einer durchgescheuerten Abseilschlinge hinunter zu segeln.
In der Schutthalde am Wandfuß geben wir uns die Hände zum Gipfelgruß. Es mag für Erfolgsmenschen nicht sehr befriedigend sein, nach stundenlanger schwerer Arbeit wieder genau dort zu stehen, wo man angefangen hat. Was aber für uns zählt, ist die Zeit, in der wir unterwegs sind. Ein Ziel erreicht zu haben ist sicher auch schön, aber es gibt nur den Blick frei auf einen neuen Weg.

Die nächsten Tage verbringen wir im Zelt. Gelegentlich hört es auf zu regnen und fängt an zu schneien. Um den Ausbruch akuten Zeltkollers zu verhindern kommen wir auf alle möglichen Ideen. Unter anderem löse ich Kreuzworträtsel, die meine Partnerin verfertigt. Anfangs produziert Edith wirklich Rätsel mit Niveau. Allmählich aber sinkt der Standard. Das ist durchaus verständlich. Auch die Fähigkeiten einer Lehrerin müssen einmal nachlassen, wenn sie tagelang auf einer Fläche von zweieinhalb Quadratmetern zusammen mit einem unrasierten Individuum haust, das entweder schmatzend an einer Wurst kaut oder schläft und schnarcht.

Wir haben lang genug gewartet. Noch einmal stehen wir unter dem Plattenschild der Schüsselkarspitze-Südwand. Hoch droben jagen einzelne Wolkenfetzen über einen blassgrauen Himmel. Konturlos ist die Wand über uns. In dem senkrechten Panzer, mit dem die Schüsselkarspitze nach Süden abfällt, gibt es eine einzige Zone geneigter Platten. Über sie führt der Spindlerweg. Um diese Plattenzone aber zu erreichen haben die Brüder Spindler einen Anstieg ertüftelt, der in raffiniertem Zick-Zack-Klettern, Abseilen und Queren die glatte Einstiegswand überwindet. Dieser Weg der Erstbegeher ist uns ein bissl zu raffiniert. Wir nehmen lieber den Auckenthalerriss. Die erste Seillänge bewältige ich mit einer Mischung aus Piaz-, Riss- und Ruacheltechnik. Doch es schaut ohnehin nur meine Gefährtin zu und die ist rücksichtsvoll genug, meinen Kletterstil nicht zu kommentieren. Über eisenfeste Platten vom vierten Schwierigkeitsgrad gewinnen wir dann rasch an Höhe. Der Ausstiegskamin ist nass vom erst kürzlich weggetauten Schnee. Und auf dem Gipfelgrat stecken wir wieder im Nebel. So kommt es, dass ich mir im Wetterstein einen Gipfel zusammen mit Sonnenschein nicht recht vorstellen kann.

 

Kaisertage

Einen Arm nur strecke ich aus dem warmen Daunensack und stoße das Hüttenfenster auf. Ein Blick ins nasse Grau, ein Fluch über den schönen, weißen, frischen Schnee, und klirrend fliegt das Fenster wieder zu. Wir sind nicht mehr auf der Wangalm sondern in der Gruttenhütte im Wilden Kaiser. Der Lasteselabstieg in die Leutasch, das feudale Mittagessen in Soldbad Hall und die Suche nach einem Heustadel bei Wörgel zum Zwecke der standesgemäßen Übernachtung liegen hinter uns. In der gastfreundlichen Gruttenhütte haben wir zusammen mit unseren Urlaubsrucksäcken Quartier gefunden. Und nun verfaulenzen wir schon den dritten Tag. Das Wetter ist und bleibt trostlos. Während ich in uralten Zeitschriften vom sonnenwarmen, hellen Kaiserfels lese, strickt die Gefährtin. Sie hat sich in Ellmau Wolle und Nadeln gekauft und hockt nun wie ein braves Hausmütterchen auf der Ofenbank und klappert mit dem Zeug. Man kann, genügend große alpine Erfahrung vorausgesetzt, annährend berechnen, wann Lawinen niedergehen oder wo Steine fallen werden. Was einer Frau beim Bergsteigen einfällt, kann man nicht vorher sehen.

Sonne über dem Wilden Kaiser! Das es so was noch gibt! Eines Morgens brauche ich das Hüttenfenster nicht mehr wie gewohnt mit einem Fluch wieder zuwerfen. Über einer augustlichen Winterlandschaft liegt strahlender Sonnenschein. Und die Christaturm-Südostkante ist steil genug, damit uns dort nicht allzu viel von der weißen Pracht behindern wird. Im knöcheltiefen Neuschnee erreichen wir das Ellmauer Tor und sehen zum ersten Mal die Steinerne Rinne. Aus dem weißen Trog zu unseren Füßen wachsen die grauen Wände von Fleischbank und Predigtstuhl in den blauen Himmel. Blau, grau und weiß: der Farbakkord eines wunderschönen Kaisertages.
Wir wenden uns nach links gegen die pralle Südostwand der Fleischbank. Warum nur hat man diesem schönen Berg einen so grauslichen Namen gegeben?! Zum Ausgleich vielleicht hat der unbedeutende Zacken zwischen Fleischbank und Karlspitze den poetischen Namen Christaturm erhalten. Wer denkt da nicht an Weihnachten und das Christkindl, überhaupt, wenn ringsum echt weihnachtlicher Schnee liegt. Weniger kindliche Gemüter als wir beide werden sich vielleicht ein junges hübsches Mädchen vorstellen, nach dem ein Verehrer diese rassigen Felsnadel benannt hat. Wie immer ist die Wirklichkeit wesentlich trivialer. Der Turm heißt so nach seinem ersten Ersteiger Emanuel Christa. Und mit seiner Ersteigung und Benennung ist eine hübsche Geschichte verbunden, die mir die Gelegenheit gibt, mit meinem in der Gruttenhütte neu erworbenen alpinen Wissen zu protzen. Im Jahr 1901 hat sich Herr Christa lustig gemacht über die Manie seiner Zeitgenossen, jedes unbedeutende Gipfelchen und Türmchen im Kaiser zu ersteigen und als selbständigen Berg in die Zeitung zu rücken. Wenig später, im August des gleichen Jahres, bestieg er dann die Schneelochspitze, den späteren Christaturm, und war bitterböse, als man ihm vorhielt, dass sein Berg ja auch nicht gerade zu den bedeutendsten Gipfeln des Kaisergebirges zählt. Tatsächlich würde heute wohl kaum ein Mensch den Christaturm besuchen, gäbe an diesem Zapfen nicht Anstiege wie die Direkte Südostwand oder die luftige Südostkante.
Mit der Kante also wollen wir unsere kaiserlichen Tage beginnen. Dazu ist es aber notwendig, über ein makelloses weißes Schneefeld vom Ellmauer Tor zum Einstieg hinauf zu stapfen. Die Augustsonne hat den Schnee weich und nass gemacht. Er pappt sich zwischen Schuhrand und Stutzen, schmilzt, und dann rinnt das Wasser in meine Schuhe. Weil meine Schuhe aber gute Schuhe sind, rinnt das Wasser durch die Löcher zwischen Sohle und Oberleder auch gleich wieder hinaus. Um den steilen Kantenaufschwung zu erreichen muss man schließlich eine Schlucht überqueren; in der liegt der Schnee massenhaft; so kommt es, dass ich den einzigen Haken auf dieser Tour hier in diesem harmlosen Dreiergelände schlage. Auf dem ersten Kantenabsatz halten wir an und gönnen uns eine Rast bei Traubenzucker und Gratisfernblick. Dabei sehen wir eine Menschenschlange, die in unserer Spur vom Ellmauer Tor zur Kante herauf stapft. Ich denke an meine nassen Füße und schwöre mir, im Wilden Kaiser nie wieder vor zehn Uhr zu einem Einstieg zu gehen.
Der Gang über die Kante wird zu einem Kletterfest in eisenhartem Fels. Nachdem wir den ersten Abbruch durch einen versteckten Kamin überlistet haben, klettern wir immer direkt an der Kantenschneide. Die letzte Seillänge vor dem Gipfel: ein Riss, der in die Sonne zu führen scheint. An seinem oberen Ende ist eine dünne Platte abgesprengt. Das schaut wirklich sehr fragil aus. Doch die kurze Zeit an der Kante hat mir bereits ein unerschütterliches Vertrauen zu diesem Fels gegeben. Ich fasse die dünne Schwarte mit beiden Händen. Einige Piazschritte, ein paar kraftvolle Züge, und ich steige auf dem Gipfel aus, ohne Schrofen, ohne Schotter. Unsere Begeisterung ist grenzenlos. Den Abstieg nehmen wir über den Herrweg, den Normalweg auf die Fleischbank. Zuletzt seilen wir noch durch einen Wasserfall ab und rasseln über das Schneefeld hinunter. Überall hat die Sonnen schon schwarze Flecken in die Schneedecke genagt. Noch eine warme Nacht, noch ein schöner Tag und der ganze Winterspuk wird vorbei sein.

Es ist schon spät am Vormittag, als wir die letzten Meter zum Einstieg der Direkten Ostwand der Vorderen Karlspitze hinaufsteigen. Aber, so hat man uns in der Gruttenhütte gesagt, „die Ostwand schafft ihr beide leicht in vier Stunden.“ Ich weiß nicht, wer das Missverständnis verschuldet hat. Jedenfalls hatten unsere Ratgeber den üblichen Anstieg gemeint, während wir die ‚Direkte’ auf dem Programm haben. Der Führer berichtet von einer Seillänge des sechsten Schwierigkeitsgrades. Und dieser Kaiser-Sechser zieht mich magisch an.
Bald merken wir, dass der direkte Anstieg nicht oft begangen wird. Der Fels im unteren Teil der Wand ist locker, und nirgends stecken Standhaken. Erst als wir in den schwierigen mittleren Teil der Wand kommen, entdecken wir wieder einige der schwarzen Stifte. Der sechste Grad in dieser Tour beschränkt sich auf knappe vierzig Meter. Aber diese vierzig Meter schlucken alle meine Karabiner. Ein wackeliger Block stellt sich in den Weg. Am besten würde ich ihn mittels Piaz-Technik überwinden. Dazu müsste ich diesen unsicheren Gesellen aber auf Zug nach außen belasten. Ein Haken zur Sicherheit wäre nicht schlecht. Ich probiere große, ich probiere kleine, dann dicke, schließlich dünne. Der einzige Gewinn dieser Nagelversuche ist die Erkenntnis, dass auch meine Vorgänger hier mit großer Ratlosigkeit herum gehämmert haben, ohne einen Stift unterzubringen. Zuletzt beschließe ich, dass ein Haken des wahren Meisters unwürdig sei und klettere mit wenigen raschen Zügen hinauf. Mit dem allerletzten Karabiner baue ich an einer abschüssigen Platte den Stand. Nun folgt eine Seillänge, die mit guten Griffen und Tritten wohl bestückt ist. Bald sind wir in der Verschneidung, zu der die normale Ostwand-Route von rechts herüber kommt. In den letzten Seillängen beginnt es langsam zu tröpfeln. Nebel zieht auf. Doch diesmal wartet der Wettergott, bis ich die kleine Scharte im Vorgipfel der Karlspitze erreicht habe. Dann aber kommt es dick; während Edith die letzten Meter zu mir heraufsteigt, prasselt der Hagel auf uns. Unter dem Biwaksack seilen wir uns los und deponieren das Eisenzeug hinter einem Felsvorsprung. In nächster Nähe zucken die Blitze. Der Lärm des Unwetters in dieser nassschwarzen Felswüste ist ohrenbetäubend. Später in der Hütte werden wir erfahren, dass während dieses Gewitters auf dem benachbarten Totenkirchl drei Bergsteiger vom Blitz getötet wurden.
Davon wissen wir noch nichts. Die Wand haben wir hinter uns. Vom Abstieg durch den Matejak-Kamin haben wir keine Vorstellung. Ich rauche also, wenn auch mit einiger Mühe, meine Gipfelzigarette. Und Edith wird ohnehin nur nervös, wenn ihr beim Stricken eine Maschenreihe von der Nadel rutscht. Der Hagel geht in einen soliden Dauerregen über. Es wird Zeit, dass ich den ersten Abseilblock suche. Wie ich dann in den regennassen Schlund unseres Abstieges blicke, da steigen mir doch gewisse Zweifel auf, ob sich dieser Weg nachhause so leicht ergeben wird. Immer wieder quälen wir uns an den Vierzig-Meter-Seilen in den brodelnden Nebel hinunter. Wenn ich starte, beherrscht mich die Spannung, ob ich wohl das nächste Relais finden werde. Habe ich nach vierzig Metern den Abseilhaken entdeckt, dann warte ich angespannt darauf, dass die Gefährtin als dunkler Schemen in den grauen Schwaden über mir auftaucht.
Abend wird es, bis wir endlich wieder drunten im Geröll stehen. Wir sind sehr zufrieden und sehr müde. Die Seile werden aufgerollt, die Schlosserei wird im Rucksack verpackt. Und dann wandern zwei klatschnasse Badeschwämme über den Jubiläumssteig heim zur Gruttenhütte.

Wieder gehen wir den Weg hinüber von der Hütte zum Ellmauer Tor. Die Gefährtin vor mir rennt wie immer. Kaum aber hat sie den Sattel erreicht, hält sie an und ruft zurück:
- Wir sind heute nicht allein in der Fleischbank-Südost.
Ich komme nach und sehe nun auch die beiden Gestalten, die in den Einstiegsschrofen unter der hellgrauen, lotrechten Wand klettern. Doch ich glaube, meine Kameradin beruhigen zu können:
- Bis wir dort sind, haben die beiden schon die halbe Wand gemacht. Diese Kaiserkletterer haben ein anderes Tempo als wir im gemütlichen Ost-Österreich.
Ich habe freilich och nie einen Kaiserkletterer klettern gesehen. Mein Wissen stammt aus Büchern und Zeitschriften. Und danach sind Südost-Bezwinger meist halbe Übermenschen. Edith murrt:
- Gar so schlecht, wie Du immer sagst, sind wir auch nicht.
Ich kenne ihren Ehrgeiz. Während in meinem Fahrtenbuch Anmerkungen stehen wie: arg gerauft, sauschwer, man sollte klettern können, lauten ihre Tourennotizen: sehr schön und leicht, keine Schwierigkeiten, war gut in Form. Leider stimmt das! Wo ich mich hinaufschinde, spaziert sie hinterher. Und wenn sie ihren netten Tag hat, tröstet sie mein angeschlagenes Selbstbewusstsein mit dem Hinweis, dass sie ja als Seilzweite ging. Heute habe ich aber gar kein gutes Gefühl. Die Fleischbank-Südost wird unsere erste Wand des oberen fünften Schwierigkeitsgrades im Kaiser sein. Ich bin keineswegs so sicher, dass wir dort drüben gut hinauf kommen.
Zunächst erweist sich meine Voraussage über die Rasanz der Kaiserkletterer als etwas übertrieben. Beim eigentlichen Einstieg in die Wand, einem schmalen Riss in senkrechten Platten treffen wir unsere Vorgänger, ebenfalls eine kombinierte Seilschaft. Und bei ihrem Anblick steigt meine Achtung. Edith und ich haben uns ans Doppelseil gebunden. Jeder von uns hat zwei Trittleitern. Und an meiner Brustschlinge klimpert eine umfangreiche Schlosserei. Der Bursch, der da eben in dem Einstiegsriss klettert, hat nur wenige Karabiner, dafür ein ganzes Bündel Haken, alle von der gleichen Sorte. Außerdem sind die beiden nur durch ein Seil verbunden; das Mädchen trägt einen zusammengerollten Strick für den Seilquergang auf dem Rücken. Zu zweit verfügen sie über zwei Steigschlingen und ein Trittbrettchen. Wenn jemand mit dieser Ausrüstung die Südost angeht, so denke ich, dann muss er ein „Guater“ sein. Ich ziehe im Geist meinen Steinschlaghelm vor den beiden.
In der ersten Länge brauchen die beiden eine Dreiviertelstunde. Ich rauche inzwischen nervös zwei Zigaretten und grüble, wie ich das wohl schaffen werde. Als ich dann endlich an die Reihe komme, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass ich schon wesentlich Schwierigeres geklettert bin. In wenigen Minuten habe ich aufgeschossen und darf weiter warten. Allmählich sinkt meine Achtung. Den Seilquergang schafft mein Vorgänger mit Anstrengung. Das Mädchen wird nachgehisst und ich darf das freundlicherweise zur Verfügung gestellte Seil benutzen. Immer mehr wachsen unsere beiden Seilschaften zu einer Einheit zusammen. Das Mädchen ist nach der dritten Seillänge schon recht müde. So bediene ich den Strick für ihren Ersten. Der macht das auch recht lustig. Er hat alle drei Steighilfen, benützt sie auch recht fleißig, nimmt sie aber immer wieder mit. Man braucht in diesem Teil der Wand wirklich keine Trittschlinge. Aber wenn der Seilerste schon ohne solche Krücken nicht hinaufkommt, dann soll er doch wenigstens von seinem Zweiten nicht verlangen, dass der es schafft. In der Länge nach dem Quergang fliegt das Mädchen zum ersten Mal weg. Sie kommt aber ohne besondere Hilfe wieder an den Fels und steigt weiter. Als ich sie am nächsten Standplatz erreiche, gebe ich ihr meine Leitern, deren Alusprossen mich bisher ohnehin nur ins Kreuz gedrückt haben. Und so warten wir uns langsam zum Rossi-Überhang hinauf.
Unter dem Überhang klebt der Bursch lang an einer steilen Platte. Es geht nicht recht weiter. Höflich – und faul, wie ich bin, habe ich mich mit Edith auf einem schmalen Band gemütlich eingerichtet. Ich rauche; die Gefährtin lutscht Zuckerln. Herrlich ist der Blick von hier tief hinunter in die Steinerne Rinne, wo mittlerweile die Wanderer-Karawanen ziehen. Über der Goinger Halt glänzt der seidenblaue Himmel. Der Tag ist noch lang, so können hässliche Biwakgedanken nicht aufkommen. Unsretwegen kann das hier noch stundenlang dauern. Aber der Knabe da droben ist offenbar am Ende seiner Courage. Zögernd fragt er mich, ob ich voransteigen will. Gern, ich will! Zwar habe ich vor dem Rossi-Überhang noch immer genug Respekt. Inzwischen habe ich jedoch bemerkt, dass es auch in der Fleischbank-Südost Griffe und Tritte gibt, und vor allem viele, viele Haken. In die Platte unter dem Überhang haben weichherzige Menschen einen Tritt gemeißelt. Ohne lange Hemmungen richte ich mich darin auf und habe auch schon den Ring des ersten Hakens in der Hand. Mit dem Seil hänge ich auch eine Trittleiter ein; da mich aber schon einmal der Ehrgeiz gepackt hat, benütze ich sie nicht sondern steige im Seilzug nach oben. Vier Haken stecken im Überhang. Mit den Füßen kann man gut abspreizen. Edith bedient da drunten das Seil, als wäre sie ein Stück von mir. Bald kann ich in eine flache Rinne aussteigen. Nun rächt es sich, dass ich einen Standplatz übergangen habe. Die Seile sind durch Reibung fast blockiert. Während ich das folgende Stück in freier Kletterei überwinden muss, darf ich alle Meter wie ein Stier am Strick ziehen. Mit dem letzten Ende Seil erreiche ich geneigteren Fels und hämmere einen großartigen Fichtel-Querhaken in eine solide Ritze. Für diesen Stand brauche ich mir keine Sorgen mehr machen. Nun kommt der Bursch nach und wir ziehen gemeinsam sein Mädchen hoch. Als die endlich bei uns ist, schaut sie recht mitgenommen drein. Die beiden entschließen sich, über das Grasband die Wand zu verlassen. Das ist auch ein Vorteil der Südost: Man kann in halber Wandhöhe über ein bequemes Band in die Scharte zwischen Christaturm und Fleischbank hinaus queren.
Wir sind nun allein in der Wand, und ich bin ganz froh darüber. Für diese erste Hälfte des Weges haben wir sechs Stunden gebraucht. Und die zweite Hälfte ist, wie man sich leicht ausrechnen kann, genauso lang und um nichts leichter. Zügig kommen wir nun voran. Zum ersten Mal in diesem Urlaub darf ich mir im schweren Fels bestätigen, dass ich gut in Form bin. Damit ich aber nicht größenwahnsinnig werde, hat der liebe Gott oder wer immer für die Erschaffung der Fleischbank zuständig war, einen denkwürdigen Ausstiegsriss konstruiert. Über das Dach einer Nische erreiche ich ihn und halte erst einmal an, betroffen über soviel Luft unter meinen Füßen. Es steckt aber beruhigend viel Eisen in dem Riss. Ich komme langsam und sicher vorwärts. Nun habe ich das Eck erreicht, an dem sich der Riss schließt. Ein Holzkeil steckt hier; man sieht ihn bis zur Spitze. Ich habe das Seil in die Perlonschlinge des Keils geklinkt und wälze Fluggedanken. Unzählige Berichte über diese Wand habe ich schon verschlungen. Und so gut wie keiner der Berichterstatter vergaß den Henkelgriff zu erwähnen, der hinter diesem Eck des Schicksals auf mich warten soll. Auch den einzigen armseligen Tritt in der glatten Wand habe ich schon erspäht, auf den ich steigen muss. Ich kann mich aber nicht und nicht entschließen, das Perloschnürl loszulassen. Allmählich wird die Situation ungemütlich. Edith fragt aus ihrer Nische an, ob denn hier die Aussicht gar so schön sei und ob sie nicht auch etwas davon genießen dürfe. Über die Schönheit einer Aussicht kann man immer streiten. Eindrucksvoll ist der Blick hinunter bis zum Einstieg aber ganz gewiss. Ich beschimpfe mich innig und setze den linken Fuß auf den Tritt. Mit der linken Hand fasse ich den letzten Griff, den der Riss bietet, während sich die Rechte überkreuz noch immer an die Schlinge des Holzkeils klammert. Dann lasse ich endlich mit der Rechten los; der Körper pendelt wie von selbst in die Wand hinaus; blitzschnell greife ich ums Eck – der Henkelgriff ist wirklich da!
Problemlos sind die letzten Meter zum Gipfel. Im Angesicht der abendlichen Kaiserberge zücken wir die Stoppuhr. Eineinhalb Stunden haben wir für die zweite Hälfte der Wand gebraucht. Wir bewundern uns gegenseitig und machen uns auf den Heimweg. Und heute Abend in der Hütte werden wir uns ein Festmahl vergönnen, Erbswurstsuppe mit Speck und eine ganze Portion Kaiserschmarrn für jeden und ein Himbeerwasser für Edith und einen Kaffee für mich. Wer sich so was jeden Tag leisten kann, hat’s natürlich schwerer sich zu belohnen.

 

Eine Glocknerüberschreitung

Am Parkplatz auf der Franz-Josefs-Höhe steigen wir aus dem Auto und mitten hinein in einen graukalten Nebeltag. Aber wie oft in diesem Urlaub haben wir unsere Nasen schon ins schlechte Wetter gesteckt. Und Geduld hat uns doch immer wieder einige schöne Tage beschert. So wird uns der Wettergott wohl auch die Überschreitung des Großglockners gönnen.
Hoch steht die Sonne schon am Himmel, als wir endlich von der Hofmann-Hütte weggehen. Das Fahrtenwetter hat nicht lange auf sich warten lassen. Wie jedes schöne Ding hat aber auch strahlender Sonnenschein zwei Seiten. Es ist das unsere erste größere Tour im Eis. So finden wir gar nichts dabei, derart spät aufzubrechen. Wir wollen nur die Biwakschachtel im Inneren Glocknerkar erreichen. Auf der aperen Pasterze merken wir noch nicht, was uns erwartet. Aber schon die ersten Schritte im grundlosen, aufgeweichten Firn der Spaltenhänge, die aus dem Kar zu uns herunterfließen, geben uns einen Vorgeschmack der kommenden Mühen. Mein Orientierungsgenie hat endlich wieder Gelegenheit, sich auszutoben. Ich bin der gesunden Meinung, dass der direkte Weg immer der kürzeste sei. So ziele ich bolzengerade auf den dunklen Fleck im Glocknerwandkamp, auf dem wir die Biwakschachtel wissen. Bald stehen wir inmitten von kreuz und quer verlaufenden Spalten und schauen ratlos in die Umgebung. Wir binden uns ans Seil, und dann beginnt ein aufregendes Umgehungs- und Übersetzungsmanöver, bis wir wieder in weniger zerklüfteten Gegenden sind. Aber auch hier gibt es genug verdeckte Spalten; und wenn ich in dem patzweichen Schnee einsinke, weiß ich nie, ob ich nun ins Finstere plumpse, oder ob das bloß wieder einer der üblichen Späße dieser aufgeweichten Firndecke ist. Bei dieser mühsamen Aufwärtsquälerei lerne ich drei Dinge. Erstens begreife ich nun, warum die kühnen Glocknerstürmer heute schon um vier Uhr früh in der Hütte rumort haben. Zweitens ist der gute alte Brauch der Pioniere, am Abend vor der Tour ein Stück des Weges zu erkunden, noch durchaus nicht reif für die alpine Mottenkiste. Und drittens ist die Bezwingung eines Eisberges im Eissalon bedeutend angenehmer. Ich nehme mir für die Zukunft vor, diese Erkenntnisse nicht wieder zu vergessen. Am Nachmittag erreichen wir endlich die Aluminiumtonne, die begeisterte Idealisten auf dem Grat des Glocknerwandkamps aufgebaut haben. Die Biwakschachtel ist sehr sauber und wunderbar eingerichtet. Es gibt warme, weiche Decken darin, einen Wecker und ein Fahrtenbuch, in dem wir den Namen von Freund Hartmut finden.
Obwohl es am Abend empfindlich kalt wird, sitzen wir noch lange draußen auf den Steinstufen vor der Tür. Der Fuscherkamm, dessen Zackengrat untertags von der prallen Sonne modelliert wurde, verlöscht nun allmählich zu einem wesenlosen grauen Schatten. Und draußen in den Tälern liegt ein schmutzigroter Schein über dem Dunst der Tiefe. Dieses Inseldasein auf hoher Warte mag wohl Schuld daran sein, dass so viele Bergphilosophen den Gegensatz zwischen lichten Höhen und dumpfen Niederungen bemühen. Es ist ja wirklich eindrucksvoll, droben in der Helle des Tages zu sitzen, während tief drunten schon die Schatten der Nacht durch die Täler kriechen. Nur soll man sich auch dabei vor falschen Folgerungen hüten. Einmal erreicht uns alle die Nacht, egal wie hoch wir auch sind.
Um vier Uhr früh ratscht der Wecker. Verschlafen braue ich aus sandigem Schnee, Trockenspiritus und Ovomaltine einen Trank, in dem man die Ovomaltine nur sehr unbedeutend und den Trockenspiritus fast gar nicht schmeckt. Die aufgehende Sonne sieht uns bereits über den harten Firn des Glocknerwandkampes ansteigen. Dieser Grat hat für einen Felsenmenschen wie mich seine Tücken. Da geht der Firn in Fels über und ich schnalle die Steigeisen von den Schuhen. Kaum bin ich einige Meter geklettert, stehe ich schon wieder auf hart gefrorenem Firn. Also schnalle ich die Eisen wieder an, bis zum nächsten Felsabsatz. Dieses monotone Spiel wiederholt sich einige Male. Endlich durchzuckt der Blitz der Erleuchtung das Dunkel meines verärgerten Hirns und ich lasse die Zwölfzacker auch im Fels an den Füßen. Auf der Gratschulter der Glocknerwand kann ich die Eisen endgültig ausziehen. Nun dominiert der Fels und er ist grausam brüchig. Wir „kaiserlich“ Verwöhnten können nicht genug murren über das schiefrige, splittrige Zeug. Leslie Stephen, der Eroberer des Schreckhorns, klagte bereits darüber, wie wenig doch das krönende Gemäuer der Berge in Ordnung gehalten wird. Hier aber, bei der Überschreitung der Glocknerwand wird der Fels umso fester, je höher wir kommen. Bald macht es uns Freude, hoch droben in einer Welt zu klettern, in der einzig grau und weiß das Bild gestalten. Sogar das Blau des Himmels über uns erscheint uns kalt und streng.
Sieben Gipfel hat die Glocknerwand. Eben haben wir wieder einen dieser Türme erstiegen; ich bastle gerade am Abseilhaken; da hören wir Schreie aus der Pallavicini-Rinne. Heute morgen sind dort zwei Partien eingestiegen. Nun sehen wir nur mehr eine Seilschaft in der steilen Eisflanke. Und ganz tief drunten im Schnee des Inneren Glocknerkares liegen zwei schwarze Punkte im Schnee.
Da hat dieser Tag so schön angefangen mit Sonne und blauem Himmel. Und nun das: diese Schreie aus dem Schatten und die zwei leblosen Punkte am Fuß der Rinne. Das darf einfach nicht wahr sein. Wir hocken auf unserem Turm, und in meinem Hirn kreisen die Gedanken. Was können wir schon tun? Irgendwo absteigen? Dazu müsste man bei den heutigen Eisverhältnissen über die Glocknerwand zurück, den Weg, den wir gekommen sind. Das dauert Stunden. Nein; man wird dieses Unglück sicher bemerkt haben. Auf dem Glocknergipfel wimmelt es von Menschen. Und auch vor der Hofmann-Hütte sitzen genug Leute in der Sonne, die einer Partie in der Pallavicini-Rinne sicher zuschauen. Während ich solche Gedanken wälze, erhebt sich der eine der schwarzen Punkte und krabbelt einige Meter seitwärts zu seinem Gefährten. Und auch der richtet sich halb auf. Die beiden leben! Sind gut dreihundert Meter abgestürzt und leben! Habe ich jemals über den patzigen Schnee im Inneren Glocknerkar geschimpft?! Das war ein Versehen! Der Schnee ist lieb und gut und brav. Und wenn er noch zwei Meter tiefer wäre, und noch weicher, und noch nässer, ich würde auch nichts mehr sagen. Ich bin ja so froh, dass es diesen Schnee gibt. Wenig später sehen wir eine kurze Menschenraupe von der Hofmann-Hütte über die Pasterze kriechen. Die Raupe biegt sich wohl manchmal ab, löst sich auch hin und wieder in ihre sechs Glieder auf, schlängelt sich in wunderlichem Zick-Zack durch die schwarzen Striche der Spalten. Sie hält aber unbeirrbar ihre Richtung zum Glocknerwandkamp. Beruhigt hänge ich das Seil in den Haken und gleite hinunter auf den Gratabsatz.
Um in die Untere Glocknerscharte zu kommen müssten wir das Teufelshorn überklettern. Ich habe für heute genug von grusligen Sachen. Wir werden dieses teuflische Horn umgehen. Leider gibt es hier wieder keine markierte Umleitung. Wir sind also auf meine Spürnase angewiesen. Und die hat uns beide schon sooft enttäuscht, dass wir dem kommenden Abenteuer mit aller gebotenen Skepsis entgegen sehen. Immer weiter kommen wir hinunter gegen das Teischnitzkees, schließlich, wenn wir heute nicht in der Stüdlhütte schlafen wollen, bleibt uns nichts übrig, als eine steile, breite Firnmulde zu übersetzen. Sie fällt von der Unteren Glocknerscharte zum Teischnitzkees ab, und wenn wir sie überwunden haben, können wir direkt zum Glocknerhorn ansteigen. Die ersten Schritte in der nassen, pappigen Schneeauflage geben mir einen Vorgeschmack kommender Freuden. Sofort sind die Zacken der Steigeisen verklebt. Auch wird die Schneeschicht auf dem harten Untergrund immer dünner. Meine Eiserfahrung beschränkt sich im Wesentlichen auf einen italienischen Eissalon im achten Wiener Gemeindebezirk. Ich habe keine Ahnung, ob das Zeug, auf dem ich stehe, halten kann oder abrutschen wird. Als das Seil abgelaufen ist, bin ich mitten in der steilen Flanke und überlege mit gefurchter Stirn, wie ich hier einen Sicherungsplatz einrichten soll. Als erstes höhle ich mit dem Eisbeil eine Badewanne aus. Die Schraube, die ich in den harten Firn der Unterschichte drehe, wackelt schon beim bloßen Anschauen. Ich krame unseren einzigen Eishaken aus dem Rucksack und klopfe ihn mit drei Schlägen bis an den Ring hinein. Seinen Sitz kontrolliere ich erst gar nicht. Ich bin sicher, ich könnte ihn mit einer Hand wieder herausziehen. Edith kommt nach und stürzt nicht; sie lässt mir die Illusion meiner fabelhaften Sicherheitsvorkehrungen. Den nächsten Standplatz kann ich in der Randkluft eines großen Felsbrockens einrichten. Und dann haben wir nur mehr eine halbe Seillänge bis zu den sicheren Felsen, die vom Glocknerhorn herab ziehen. Während wir noch in dieser Flanke herum raufen, hören wir Motorenlärm. Und als wir dann auf dem Glocknerhorn stehen, sehen wir nur mehr Spuren im Inneren Glocknerkar: die Kufenspuren eines Flugzeuges, die ins Leere hinausführen; und die Stapfen der Rettungsmannschaft von der Biwakschachtel zum Bergschrund der Pallavicini-Rinne und zurück. Die zweite Seilschaft klebt immer noch an der gleichen Stelle in der Rinne. Man wird sie über den „Bahnhof“ zur Adlersruhe hinausbringen.
Hart und sicher ist die Wechte, über die einst Markgraf Pallavicini mit seinen Führern zu Tode stürzte. Wir erreichen die Felsen des Glockner-Nordwestgrates. Müde nehme ich diese letzte Teilstück unsere langen Weges in Angriff. Dritter Schwierigkeitsgrad. Meist sind die Felsen aper. Schön ist diese Kletterei im sanften Licht des beginnenden Abends. Doch ich registriere das gleichsam nur mehr im Vorbeigehen. Die Seilkommandos sind unser einziger Gesprächsstoff. Über die letzten Blöcke steige ich hinauf zum Kreuz auf dem Gipfel des Großglockners. Zum letzten Mal heute hole ich das Seil ein, in ruhigen und zufriedenen Zügen. Die Kameradin kommt nach. Es ist sechs Uhr abends. Wir sind allein.
Allmählich werden die Berge am Westhorizont zu dunklen Schatten, die einen goldenen Saum tragen. Im erwachenden Abendwind schlage ich die Kapuze des Anoraks hoch. Wir nehmen die Seilschlingen auf und gehen hinunter zur Glocknerscharte.

 

Die Däumling-Ostkante

Nahe der Oberhofalm steht unser Zelt im Wald. Die Sonne scheint bereits geraume Zeit durch die Leinwand, als ich endlich den Zelteingang zurück schlage. Draußen sitzt Edith und hält mir frische Erdbeeren unter die Nase. Ein freundlicher Morgen!
Wir fahren noch einmal hinaus nach Filzmoos, weil wir uns für den kommenden Urlaubsausklang im Gosaukamm mit Proviant versorgen müssen. Dann faulenzen wir noch lange bei der Am, bis wir uns endlich entschließen, zur Hütte am Hofpürgl hinauf zu pilgern. Bevor wir in die Schlafsäcke kriechen, schenke ich noch dem Mosermanndl einen Erinnerungsblick, dem kühnen Biwakberg von ehedem. Zwei Jahre ist das nun schon wieder her. Ganz so unerfahren wie damals bin ich nun nicht mehr; leider auch nicht mehr ganz so jung.
Andertags begleitet uns die Vormittags-Sonne auf dem Weg über den Steigl-Pass ins Untere Armkar. Wir haben verschlafen; wieder einmal. Aber ich muss sagen, heute ist mir dieser späte Aufbruch nicht unangenehm. Von unserem Frühstück habe ich nur eine Schale Tee und ein halbes Butterbrot verzehrt. Auf meinen Nerven könnte man Klavierspielen. Schuld an diesem Zustand ist ein Artikel über die Däumling-Ostkante, den ich erst vor kurzem gelesen habe. Da ist die Rede von einer „unheimlichen Plattenflucht, die ohne jeden Halt zum Himmel schießt“, von einer „grifflosen Querung“ über der „erbarmungslosen Tiefe, die von allen Seiten heraufgrinst.“ Der „mächtige Ringwulst“ wird „frei in der Luft schwebend“ mit einem „Spagat in Trittschlingen“ überwunden, während der Sichernde an „einem wenig vertrauenerweckenden Haken“ hängt. Natürlich kenne ich auch die Schilderung von Markus Schmuck, der mit Hermann Buhl die Kante in zwei Stunden überrannt hat. Auch Fritz Kasparek schreibt in seinem Buch recht begeistert vom Däumling. Leider aber weiß ich zu genau, dass Kasparek, Buhl und Schmuck für mich keine Maßstäbe sind. Ich halte mich an meinen Gruselautor und habe ehrlich Angst vor dem Plattenpanzer, der da vor uns in den blauen Himmel wächst. Vom Gipfel bis ins Kar fallen die Platten ab, mit einer einzigen Unterbrechung in der Daumenscharte. Dort sollen die großen Schwierigkeiten beginnen.
In den ersten Seillängen gehe ich wieder Privatvarianten. Eine Stunde Zeit und einen heiklen Quergang kostet uns das. Endlich aber sind wir in der Scharte und ich packe ergeben die „grifflose Querung“ an. Mehrere Haken sichern diese Länge. Kleine, aber eisenfeste Haltepunkte gibt es dazwischen. Vergnügt turne ich an den Griffen von einem Haken zum anderen und belege den Autor, der mir diesen unerfreulichen Zustieg beschert hat, mit handfesten Verbalinjurien. Edith kommt rasch nach. Meine Einstiegsbedenken habe ich ihr natürlich wortreich mitgeteilt. Deshalb lächelt sie jetzt milde und sagt:
- Fast schon über der Grenze des Menschenmöglichen, nicht wahr?
Ich lache zurück. Die folgenden Seillängen sind ein Klettertraum an eisenfesten Steilplatten. Natürlich, es gibt Schwierigkeiten. Aber um sie zu überwinden sind wir schließlich hierher gekommen. Das Felstraining eines ganzen Urlaubs liegt hinter uns. Es gibt kein Zögern, kein Hasten in meinen Bewegungen, nur ein ruhiges Gleichmaß. Manchmal gilt es eine heikle Stelle zu überwinden. Immer schwebt der Körper förmlich über der Leere. Immer gibt es aber auch gute Griffe und Tritte und solide Haken dazwischen, die ein Gefühl der Unsicherheit nicht aufkommen lassen.
Zwei Seillängen unter dem Ringwulst stehen wir beisammen und schauen uns das nächste Stück des Weges an. Hier scheint es wirklich glatt zu werden. Doch voll Vertrauen fasse ich in den nächsten Griff – und dann reiche ich mich von Schuppe zu Schuppe weiter, zwanzig Meter lang, bis zum nächsten Stand. Direkt unter dem Wulst stecken – mich wundert das jetzt auch gar nicht mehr – zwei Haken, an die man einen Ochsen binden könnte; denen traue sogar ich. Wenige Schritte quere ich an kleinen Griffen und Tritten nach links. Dann gehe ich den Wulst an. Markus Schmuck schreibt, Buhl habe den Ringwulst ohne Trittschlingen überstiegen. Ehrensache, dass auch ich keine Leitern benütze. Objektive Beobachter würden mich dennoch nicht mit Buhl verwechselt haben.
Wir sind auf dem Gipfel. Edith schreibt ihre Begehung der Däumling-Ostkante als zweite Frau in das Buch, das noch von den Erstersteigern hier hinterlegt wurde. Nicht allzu viel Besuch auf diesem schwierigsten Berg der Dachsteingruppe! Die endlose Abseilerei durch die Südostkamine vergeht uns rasch im Gespräch über diese Kletterei, die sicher eine unserer schönsten war und wohl immer bleiben wird.

Noch ein Tag bleibt uns, dann verschlingt uns der Alltag wieder für ein Jahr. Noch ein Tag, der ein würdiger Urlaubsausklang werden soll. Um elf Uhr vormittags binden wird uns vor dem Vierzig-Meter-Riss des Jahnweges durch die Südwand der Bischofsmütze ans Seil. Eine Stunde später sitzen wir beim Gipfelkreuz. Wir wollten gar nicht so rennen. Aber unsere Fingerspitzen sind aufgerieben von einem langen Monat im Fels. Da wollten wir’s wahrscheinlich hinter uns haben.

Abend wird es vor der Hütte am Hofpürgl. Warm ist der Atem, der von den Bergen kommt. Und warm das alte Holz der Hüttenwand, an das ich den Rücken gelehnt habe. Wie ein Schleier sinkt die Dämmerung über die Mützen, das Mosermanndl, den Hochkesselkopf. Da ist kein Unterschied mehr zwischen Erinnerung und Traum. Alles ist ausgeglichen. Alles ist gut.