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Dolomiten 1962 - Die blau-gelben Tage

 

Eine Kamera, die ausgerechnet zu Beginn des Urlaubs ihren Geist auf gibt, verursacht einen Tag Aufenthalt in Cortina d’Ampezzo. Von der Terrasse eines Cafes, auf der wir grantig auf den Espresso warten, sehen wir die Südwand der Punta Fiames. Begeistert schildere ich meiner Gefährtin die Vorzüge dieser Tour: Kurzer Zustieg, vierter Schwierigkeitsgrad im steilen, festen Dolomitenfels, bequemer Abstieg! Es hätte meiner Überredung nicht bedurft. Edith ist mit allem einverstanden, wenn sie nur nicht einen Tag lang in Cortina hocken muss, während ringsum die Berge stehen.
In Chieve, so steht es in Gunther Langes’ Märchenbuch, das wir zu diesem Zeitpunkt noch für einen Dolomitenführer halten, in Chieve beginnt der bequeme Zustieg zur Wand. Um es kurz zu sagen, wir kennen bequemere Zustiege. Erst meinen wir noch, unsere eigene Erfindungsgabe sei schuld an den wüsten Kämpfen, die wir in einer brutheißen Latschenwildnis ausfechten. Als wir aber eine kleine Scharte im Felsvorbau unsere Berges und damit den Übergang in unsere Wand erreicht haben, da benennen wir den Führer-Autor mit unschönen Ausdrücken. Von der Straße nach Toblach  zweigt ein Fahrweg ab und von diesem wiederum ein Steiglein, das uns schnurgerade zum Einstieg gebracht hätte ...
In drei Teilen baut sich die Wand über uns auf. Leicht ergibt sich der erste Abschnitt, die ‚prima parete’. Einzig das Wegfinden ist manchmal unterhaltsam. Die Wand ist gegliedert und unübersichtlich. Wir schauen trotzdem nicht in den Führer. Verlaufen können wir uns auch ohne fremde Hilfe.
Vor der Rissreihe in der ‚seconda parete’ halten wir an. Ein Blick ins Tal: Nun wissen wir, warum wir beim Zustieg gar so arg  geschwitzt haben. Die Sonne ist fort und mit ihr auch die drückende Hitze dieses späten Vormittages. Schwer liegt eine dunkle Wolkendecke auf den Bergen rings um Cortina. Tofana, Nuvolau, Croda da Lago – sie sind zu mächtigen Säulen geworden, auf denen der Himmel lagert. Giftig grün sind die Lärchenwälder an den Talhängen. Vereinzelt aber sickern Sonnenstrahlen aus dem schwarzgrauen Gewölk. Von einem Meister des Biedermeier könnte dieses Bild zu unseren Füßen sein, drohend und sanft zugleich, eine Landschaft in Erwartung kommenden Unheils.
Auf uns wartet zunächst aber die Rissreihe des zweiten Wandteiles, überwulstet von mächtigen Überhängen, die das Gemüt gleich dem Himmel über Cortina verfinstern. Doch was, weg mit diesen Sorgen, man wird diese Überhänge wahrscheinlich rechts umgehen. Biegt nicht der Riss schon ab?! Ja, er biegt, aber nach links. Also geht es wohl links vorbei an diesen Dächern. Nein, jetzt zieht der Riss gerade hinauf. Die Überhänge sind in bedenkliche Nähe gerückt und bange Zweifel quälen den Seilersten. Man steigt die letzten Meter des Risses empor – und da ist das glückliche Finale des zweiten Aktes: Ein breites Band leitet unter dem weit vorspringenden Fels nach rechts. Um solche Überraschungen bringt man sich, wenn man nach dem Kochbuch klettert. Ein weiterer Grund, das Werk des Herrn Langes zu boykottieren.
Harmlos beginnt der dritte Akt. Gestufter Fels, eine Steilrinne mit malerischen Klemmblöcken darin. Dann will ein kurzer Riss wissen, ob wir Tita Piaz und seine Technik kennen. Zweimal schnappt ein Karabiner in Hakenösen. Der Weg zum Gipfel ist frei.
Geschickt führt der Wettergott heute Regie. Kaum haben wir uns in unserem Zeltsack zwischen dem groben Blockwerk auf der Spitze des Berges eingenistet, da klatschen die ersten Tropfen auf den grauen Fels. Der Talkessel von Cortina hat sich in ein Amphitheater verwandelt. Unwirklich erscheint uns die Szene unter den schwarzen Wolken des Gewitterhimmels, hinter dem grauen Vorhang des Staubes, den der Wind durchs Tal treibt. Über die Tofana rauscht eine nassgraue Regenwand. Dann zerplatzt auch über uns die wasserschwere Decke.
Solange der Spuk zur Vorbreitung brauchte, so bald ist er vorbei. Schnell haben wir die Forcla del Pomagagnon erreicht und poltern und prasseln in dem lockeren Schotter zu Tal. Am Abend steht unser Zelt an einem kleinen Bach knapp vor Misurina. Der Tee dampft und Zufriedenheit wohnt unter dem Leinwanddach, Zufriedenheit – bis morgen.

Über den Paternsattel gehen wir zum Einstieg der Dibonakante auf die Große Zinne. Die ersten Meter klettern wir in ihrer Nordwand, ganz am linken Rand zwar aber doch: Wir sind in diesem Monument des Sesto Grado! Noch bevor wir wieder draußen sind aus dem ‚Monument’, rollt mir ein Brocken Fels auf den Zeigefinger. Der Finger nimmt das sehr übel. Für den Rest des Tages habe ich nur mehr neun, die einsatzbereit sind. Der Austausch eines beschädigten Fingers während der Bergfahrt ist nicht zulässig. Die Regeln des Bergsteigens sind eben weit strenger als beim Fußball. Aber Bergsteigen ist ja auch ‚mehr als Sport’.
Weiter droben in der nasskalten Mauer bekommen wir Steinschlag. Wir sind als dritte Partie eingestiegen. Und der Bruchhaufen, in dem diese aus der Entfernung so kompakt erscheinende Kante nach kaum zweihundert Metern schöner Kletterei endet, der lässt einige Steine auch bei vorsichtigem Gehen verstehen. Was Steine: Das ist eine Übertreibung. Kaum zentimetergroß kann der Kiesel gewesen sein, der da nach hundert Meter Freiflug auf meinen linken Daumennagel pfeift. Trotzdem färbt sich der Nagel grünlich blau und wird anschließend schwarz von geronnenem Blut. Der Daumen schmerzt bei jedem Griff. Apathisch klettere ich in dieser Schuttreisse empor, die alle Berichte vom eisenharten Dolomitenfels Lügen straft. Und so was nennt man nun Genusstour.
Es ist natürlich meine Schuld, wenn ich mir Steine auf die Finger werfen lasse. In Wahrheit wird es ein großartiger Gang gewesen sein, zwischen den Schatten der Nordwand und dem hellen Licht auf der Westflanke, genau an der Kantenschneide. „Es leidet unter solchen Unbilden der Körper zu sehr, als dass der Geist noch aufnahme- oder gar genussfähig bleiben könnte“, schrieb Luwig Purtscheller einmal und dabei ging es nur um das Gemaule seines Tourenpartners über eine mühselige Bergfahrt und nicht etwa um zwei kaputte Finger. Wer weiß schon, wie viel von den düsteren Theoremen der Philosophie man allein dem Magenleiden der Philosophen verdankt ...

Wenn man von der Lavaredohütte her kommt, bildet der Passportenkopf den rechten Eckstein des Paternsattels. Seine Wände sind nicht schroff und steil wie die der gegenüberliegenden Zinnen. Sie sind gestuft, direkt einladend. Trotzdem ist der Passportenkopf für mich ein unheimlicher Berg. Aus seinen sonnenhellen Wänden glotzen schwarze Stollenlöcher wie tote, leere Augen. Nach wenigen Schritten vom Paternsattel sitzen wir vor dem Eingang des ersten Stollens in der Sonne und schauen hinunter zum Zeltplatz von Lavaredo. Auch dort unten ist Sonne, und Lachen, und Leben. Hinter uns im Stollen klingen Stimmen. Schotter knirscht unter derben Bergschuhen. Alles lebt und schaut und atmet. Und der Tod ist längst schon anderswo daheim.
Am Paternkofel und am Passportenkopf lagen sich die Österreicher und Italiener im Ersten Weltkrieg gegenüber. Ob Welsche, ob Tiroler, vorher hatten sie manchen Handel miteinander, hatten manches Glas Wein getrunken zusammen, am Abend. Und dann wurde irgendwo irgend einer erschossen. Und eine Welt brannte. Und die Nachbarn von vorher kauerten in diesen Löchern an den beiden Bergen und hoben die Waffen gegeneinander wie vordem die Gläser.
Ich gehe durch diese Stollen und bin ganz ruhig. Und wie ich durch eine steile Verschneidung hinunter klettere in den Schutt des Wandfußes, da lache ich schon wieder. Morgen! Gelbe Kante!

Ich hänge das Seil in den ersten Haken. Die gelbe Schneide fällt ab vom Vorgipfel der Kleinen Zinne wie ein Lot. Die Kletterei ist schön. Es gibt nicht viel zu sagen von diesen immer gleichen Bewegungen: Tritt um Tritt, Griff um Griff. Man denkt nicht mehr viel dabei. Der Körper klettert, der Geist hält Siesta. Den wird man später brauchen, dann, wenn man nach zwei Seillängen aus der Verschneidung ausgestiegen ist und über gestuften Steilfels den Weiterweg sucht. Darüber bäumt sich die Kante noch einmal auf: senkrechter, gelber Stein vor der tiefen Bläue des Himmels. Es gibt Griffe und Tritte, natürlich. Und sie sind dort, wo man sie braucht. Das ist dann schon weniger natürlich, aber sehr angenehm.
Unter der Schlüsselstelle erreichen wir einen kleinen Absatz. Rechts sehen wir den überhängenden Riss der Kasparek-Variante und was er darüber in seinem ‚Leben für die Berge’ geschrieben hat, kenne ich auswendig. Unstreitig ist das Bergsteigen ein reizvoller Sport. Findet man den Weg nicht und überlebt, dann war’s eine Variante oder Wegverbesserung. Wir wenden uns nach links, wo der Originalweg Comicis eine flache, zum Teil brüchige Verschneidung benützt. Mit einigen unsauberen Tricks überwinde ich dieses Stück und erreiche einen Standplatz, der über dem Kar zu schweben scheint. Edith kommt nach. Wenn ich mich weit vorbeuge, kann ich an ihr vorbei die Felsen des Einstiegs sehen. Sonst scheint es, als käme sie geradewegs aus dem Schuttfeld, zweihundertfünfzig Meter unter uns.
Was dann folgt, ist Ausklang, der Fels, der grau geworden ist, der Gipfel, das Abseilen über den Normalweg der Kleinen Zinne, der Blick hinauf von unserem Zelt bei der Lavaredohütte und schließlich der rote Wein auf dem Hüttentisch, am Abend. Es ist Zeit Abschied zu nehmen von diesem Tag im gelben Fels unter einem blauen Himmel. Das kurze Stück von der Hütte zu unserem Zelt gehen wir schon im Grau. Unbeeindruckt von unseren sonnenseligen Dolomiten-Träumen ist der Nebel von Misurina herauf gekrochen. Wir klappen den Zelteingang zurück und kriechen in die Schlafsäcke. Morgen wird es regnen.

In der Mittagssonne auf dem Lago d’Alleghe schaukelt ein kleines Boot. Edith hat es sich im Heck bequem gemacht. Ich träume am Bug den Rauchschleiern meiner Zigarette nach. Solange wir hier auf dem See sind, gibt es das Corpassa-Tal noch nicht für uns und noch nicht die vier Rucksackladungen, die wir zur Vazzoler Hütte transportieren müssen; es gibt keine Tragriemen, die in die Schultern schneiden, keine Zunge, die am ausgedörrten Gaumen klebt, keinen Muskelkrampf in den Waden. Solange wir hier in unserem kleinen Boot liegen und in die Sonne träumen, solang ist das Dasein angenehm. Im Corpassa-Tal beginnt dann der Ernst des Lebens.
Am späten Nachmittag sehen wir dann dieses Tal, das von Kennern zu den drei schönsten Italiens gezählt wird. Von Listolade können wir noch ein Stück in das Tal hinein fahren. Endlich müssen wir aber doch aus dem Auto steigen. Und der Torre di Trieste, der klotzige Wächter im Talschluss ist noch immer so weit weg. Haben wir einmal ein Programm gemacht? Heißt es darin vielleicht: heute Aufstieg zur Vazzoler Hütte; morgen Venezia, übermorgen Busazza?! Es muss ein Irrtum sein, geboren an einem Schreibtisch im finsteren Norden. Wir liegen auf den warmen Steinen am Bach und halten die Zehen ins Wasser, und am Abend steht ein Zelt im Tal und darin liegen zwei, die einmal ein Programm hatten. Aber aus Sonne, Faulheit und einem wunderschönen Tag haben sie sich ein neues gebastelt, das Programm vom Glück ohne Stundenplan.
Und es vergeht ein Tag und noch einer, bis unser Zelt endlich droben steht im Lärchenwald bei Vazzoler. Wir brauchen keine fünfzig Schritte und wir sehen von unserer hohen Warte hinaus durch das Corpassa-Tal zum Monte San Lucano und zum Felsklotz des Agner. Drehen wir uns aber um, dann wächst es über dem Wald grau in einen blauen Himmel: Torre Venezia, Pelsakamm, Busazza ...

Die Guglia della 43. Legione Alpine Piave ist als Berg nicht ganz so hoch, wie ihr Name lang ist. Zwei Seillängen des Fünften Grades, das ist alles. Eigentlich hatte unser Vormittags-Ausflug dem Campanile di Brabante gegolten. Die beiden Türme stehen unmittelbar nebeneinander. Und auf den Campanile bin ich nicht hinauf gekommen. Ja, leider; und Schande über mich. Tissi hat diesen Zapfen mit dem belgischen König Albert I. noch vor dem Zweiten Weltkrieg erklettert. Lange Zeit galt der Anstieg als das Schwierigste in den Dolomiten. Heute macht man andere Sachen. Mir aber genügt das: Am letzten Haken vor der Schlüsselstelle hängend betrachte ich leicht ratlos den Weiterweg. In der überhängenden Wand gibt es eine Reihe von Löchern. Dort muss man sich wahrscheinlich anhalten. Für die Füße sehe ich nicht viel. Ein zaghafter Versuch endet im schmählichen Rückzug. Ich beschimpfe mich: Feiger Kerl! Was kann dir schon passieren. Wenn du hier weg fliegst, hängst du im Haken. Also los! Ich mache zwei rasche Züge. Nur mehr einen Meter bin ich von der Kante entfernt, hinter der die Sache gewonnen wäre. Es ist zum Weinen; ich gehe zurück. Natürlich könnte man noch einen Haken dazu schlagen. Und wenn ich diese Kletterstelle in einer großen Wand zu überwinden hätte, würde ich keine Sekunde damit zögern. Hier aber, zwanzig Meter über dem sicheren Boden, ist die Lösung abgeschmackt. Ich ziehe es vor, den königlichen Campanile nicht bezwungen zu haben.
Als Ersatz dafür klettern wir auf die Guglia mit dem langen Namen. Damit die Sache nicht ganz witzlos bleibt, überfällt uns mitten drin ein grausliches Gewitter. Ich stehe auf dem Gipfel dieser schlanken Felsnadel, und rund um mich kracht es wie in einem Inferno. Ich habe ehrlich Angst, vom Wettergott mit einem Blitzableiter verwechselt zu werden. Aber Edith läuft die Seillänge förmlich herauf und wenig später rutschen wir erleichtert an den patschnassen Seilen in die Tiefe.

In der Vazzoler Hütte lernen wir eine sympathische deutsche Seilschaft kennen, die alles einheimst, was im Umkreis gut und teuer ist. Klaus heißt der eine; und wenn ich heute an ihn denke, sehe ich einen blonden Haarschopf und einen Bart, in dem fast ständig eine Zigarette glimmt. Den blonden Schopf werde ich zwei Jahre später wieder sehen, in einer alpinen Zeitschrift; das Bild wird einen schwarzen Rand haben und darunter wird stehen: Klaus Leithäuser tot, abgestürzt in den Dolomiten.
Da war ein Mensch, der nichts anderes wollte, als sich selbst genug sein, der dazu nichts anderes brauchte als einen Freund, zwei Seile und eine Handvoll Mauerhaken. Nun ist dieser Mensch tot. Die Welt ist ärmer geworden. Und sie weiß es nicht einmal.
Heute aber ist nichts von Tod in unserer Runde. Wir singen den Hamburger Veermaster und die Wilden Gesellen. Zwischendurch spielen wir Schach. Zwischendurch tun wir gar nichts. Und zwischendurch gehen Edith und ich daran, wieder ein neues Blatt in unserem Fahrtenbuch zu füllen.

Eine ‚unbedeutende Erhebung südöstlich der Busazza’ nennt der Dolomitenführer den Castello della Busazza. Durch die siebenhundertfünfzig Meter hohe Westwand dieser ‚unbedeutenden Erhebung’ fand Georges Livanos im Jahre 1959 einen Weg. Es ist dies ein unbekannter Weg durch eine unbekannte Wand geblieben, unbeachtet in der königlichen Nachbarschaft einer Trieste Südwand oder einer Busazza Westkante. Alles, was wir davon haben, ist die Wegbeschreibung der Erstbegeher und die Versicherung von Claudio Barbier, dass man die Schlüsselstelle auch mit Sechs beziffern könne und nicht bloß mit Fünf, wie Livanos es tat. Damit steigen wir in die Wand.
Eine tiefe Schlucht zieht zwischen dem Torre di Trieste und dem Castelleo herunter. Ihr folgen wir bis zur ersten Gabelung. Dann steigen wir brav „wie das Gesetz es befahl“ im linken Schluchtast höher, durch moosige, nasse und kalte Kamine, über kompakte Platten, deren Steinschlagspuren uns zur Eile treiben. Hunderte Meter sind wir in den Leib des Berges eingedrungen. Nass, kalt und unerfreulich ist diese Welt. Nur der Torre Venezia, der hell im Ausschnitt der Couloirwände steht, erinnert uns daran, dass wir in den Dolomiten sind, in diesem Wunderland aus Sonne und warmem Fels.
Ein Kamin stellt sich in den Weg. Er wird schon in der Routenbeschreibung als ‚brüchig’ bezeichnet. Den Einstieg erzwinge ich mit einem Büschelhaken: drei Stifte neben einander; trotzdem wackeln sie beängstigend. Ich erklettere den ersten Überhang. Das gelbe Zeugs, das nur irrtümlich den Namen Fels trägt, zerbröselt zwischen meinen Fingern, bröckelt unter den Sohlen weg. Der überhängende Abschluss des Kamines verleitet mich zu einer Flucht nach rechts an die Kante. Ein prekärer Rückzug ist die Folge dieser Extratour. Neuerlicher Angriff! Unter dem Überhang schlage ich zwei mittelmäßige Haken und verbinde sie mit einer Reepschnur. Die weite Spreizstellung, in der ich dabei arbeiten muss, strengt sehr an. Mit Seilzug und angehaltenem Atem quere ich abermals zur Kante und schiele ums Eck. Der Anblick ist genauso unerfreulich wie vorhin. Der Abschlussüberhang des Kamins muss also direkt genommen werden. Ich raste lange, schaue, schimpfe, raunze. Der Überhang verschwindet nicht. Ich packe wieder an. Vorsichtig lasse ich mich im Seilzug hinaus. Die Haken scheinen zu halten, ich werde frech, spreize noch ein bisschen höher, ein Stift wird angesetzt, einige wuchtige Hammerschläge, er singt in den Fels und meine Moral hebt sich. Blitzschnell hängt das Seil im Ring und ich traue mich endlich wieder, laut und deutlich „Zug“ zu rufen. Noch einige Meter freie Kletterei und ich habe einen sicheren Stand erreicht. Nun ist Edith an der Reihe. Als sie meinen Sicherungsplatz erreicht hat, stellen wir fest: Diese eine Seillänge hat uns geschlagene zwei Stunden gekostet. Wenn auch vor allem meine Feigheit an der Verzögerung schuld trägt, bedenke ich den Kamin doch mit einen unschönen Vokabeln, bevor ich mich dem nächsten Problem zuwende.
Eine steile Platte will genommen werden. Im schlauen Zick-Zack gehe ich sie an, zu schlau, wie sich zeigt. Das Seil läuft durch etliche Karabiner und lässt sich immer schwerer nachziehen. Schließlich ist es vollständig blockiert, und ich muss auf schlechtem Stand nachsichern. Komplizierte Manöver! Schimpfen über den widerspenstigen Strick! Warum sind wir bloß mit einem Seil eingestiegen. Ein Fünfer ist keine Promenade. Aber was hilft’s um ein Doppelseil zu trauern, das nicht vorhanden ist. Als wir endlich in eine Schrofenmulde aussteigen, ist es vier Uhr nachmittags geworden.
Eine kurze Rast und gegenseitige Aufmunterung sind jetzt notwendig. Beim Anblick der gastfreundlichen Vazzoler Hütte knurren unsere Mägen. Nun ist es zwar inzwischen klar, dass wir heute nicht mehr aus der Wand kommen werden. Und unsere bescheidenen Essvorräte sind ein einziger Appell zur Sparsamkeit. Ich berufe mich aber auf soziale Gründe, erkläre, es nicht länger mit ansehen zu können, wie meine Kameradin den schweren Rucksack schleppt. Dem kann sich Edith nicht verschließen und wir besiegen die Rebellion unserer Mägen.
Mit neuem Auftrieb gehen wir an das folgende Steilstück. Ein Kamin und ein Band bringen uns zu einer Verschneidung, der Schlüsselstelle. Fünf plus und drei Haken vermeldet unsere Routenbeschreibung. Der ‚brüchige Kamin’ war ebenfalls mit dem oberen fünften Schwierigkeitsgrad beziffert. Ich mobilisiere also meine Reserven. Doch – sie sind nicht notwendig. Die Griffe und Tritte im grauen, kompakten Fels sind zwar klein aber eisenfest. Und auch die Haken, die ich schlage, halten gut. Der Ausstieg aus dieser Verschneidung bietet wunderschöne Freikletterei an kleinen Haltepunkten. Weil ich endlich einmal beim Einhängen des Stricks gedacht habe, muss ich auch nicht wie ein Ochse ziehen. Unbeschwert turne ich aus dem Steilfels hinaus ins flache Gelände.
Was folgt, ist nirgends schwieriger als ein Vierer. Aber es ist unübersichtlich. Und gerade hier meint der Wettergott uns zusätzlich unterhalten zu müssen. Nebel steigt aus dem Tal. Wir wissen, dass man die Steilschlucht vor uns rechts umgehen kann. Umgehen wir also. Der Ausflug bringt uns fast bis zum Torre di Trieste und wieder zurück. Dann erst finde ich einen schönen und ausgesetzten Riss. Nach vier Seillängen steigen wir unter der Schlusswand aus.
Einige Terrassen laden hier zum Biwak ein. Es wäre zwar noch über eine Stunde lang licht; ob diese Zeit aber reicht, muss ich bei meinem ausgeprägten Talent für ‚Wegverbesserungen’ füglich bezweifeln. Wir machen unser Bett. Solide Haken werden mit unseren Habseligkeiten behängt. Der Zeltsack wird aufgerollt. Dann haben wir Zeit, uns mit dem Nachtmahl zu beschäftigen. Die Verwalterin unserer Vorräte rückt diese nur zögernd heraus. Schließlich haben wir aber doch alles aufgegessen, bis auf eine einsame Ananasscheibe, die morgen das Frühstück bilden wird.
Der Nebel sinkt ins Tal; die letzten Sonnenstrahlen weben ein goldenes Spinnennetz um den Gipfel des Torre Venezia. Gedämpft durch die Nebeldecke klingt das Rauschen des Wassers im Cantoni-Tal. Wir kriechen unter die Kunststoffhaut, schubsen die Steine unterm Kreuz weg, zerren den Seilsalat zurecht und versuchen zu schlafen.
Mitten in der Nacht reißt mich empfindliche Kälte aus meinem friedlichen Schlummer. Edith ist schon längere Zeit wach, sagt sie, und klappert mit den Zähnen. Wir schlüpfen aus dem Zeltsack und stampfen auf unserem Band hin und her. Nach einiger Zeit ist das Eis in den Adern wieder geschmolzen. Eng aneinander gekuschelt sitzen wir auf unserem Seil und schauen hinaus in eine große, ruhige Sternennacht.
Uns gegenüber wächst der Torre die Trieste aus dem schwarzen Tal. Schemenhaft stehen die Zacken des Pelsakammes rechts vor dem Horizont. Der Wind bringt den Geruch der Erde, das Rauschen des Wildbaches, den Hauch der Wälder von den Hängen des Corpassa-Tales. Wie ein silbernes Klingen ist es in der Luft, als ob die Strahlen des Mondes aus Metall wären und ganz sacht aneinanderstießen. Wir sitzen und schauen und sind ganz still. Vielleicht ist das das Glück, wenn man ruhig ist und sich eins fühlt mit der Weite da draußen unter dem Sternenteppich.
Dann fallen die ersten Sonnenstrahlen ins Val del Sasse. Wir sitzen im Schatten und schauen sehnsuchtsvoll zu, wie dort drüben das Licht wächst, wie Wärme Besitz ergreift von dem kalten Stein. Nun rächt es sich, dass wir unbedingt in eine Westwand wollten. Die Sonne wird uns hier erst zu Mittag erreichen. Solange wollen wir doch nicht warten.
Ein schwieriger Riss leitet zu einer Platte, die nicht nur mit Tritten und Griffen sondern auch mit Hakenlöchern geizt. Ich vergieße manchen Schweißtropfen in dieser Seillänge und beurteile hernach die Qualitäten einer Westwand wieder anders als knapp davor.
Brüchige Felsen wollen zart behandelt werden. Enge und schwierige Risse erinnern daran, dass wir hier auf einem Livanos-Weg sind. Dann steige ich in den Gipfelkamin ein. Langsam spreize ich höher. Seil aus! Ein zittriger Klemmblock als Stand, ein Haken darüber, flüchtig und lieblos geschlagen. Nachkommen!
Noch einmal fünfter Grad! Ich spüre die Nähe des Gipfels. Schon wieder ein Überhang! Will das denn gar kein Ende nehmen! Doch nein; dieser Block ist in der Gipfelscharte verkeilt. Man kann unten durchschlüpfen. Ein letztes Mal scharren die Schuhe an glatter Wand. Ein Klimmzug, dann greifen meine Hände in den Schotter der Ostflanke. Edith kommt nach. Der Rucksack gibt nochmals Anlass zu Verwünschungen. Muss er sich ausgerechnet im letzten Meter der Wand verkeilen?! Schimpfen, wütendes Zerren; gute Worte, durchdachte Manöver; endlich!
Wir liegen auf einer sonnenwarmen Steinplatte. Der Sack, die Schlosserei, das Seil, sie bilden ein fröhliches Durcheinander. Die durstspröden Lippen der Gefährtin zeigen ein Lächeln:

- War doch schön, nicht?

- Sicher, und der Abstieg wird leicht sein.

- Das ist gut.

Die Müdigkeit hüllt uns ein. Ich beginne zu träumen. Selten noch war mir ein Gipfel sosehr Abschluss eines Weges wie der Gipfel des Castello della Busazza. Die Sonne scheint, der Weg ins Tal ist kein Problem. Hier ist also wirklich ein Ende. Für die Sehnsucht aber wird es nie ein Ende geben.