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Göll-Westwand und Bernina 1963 - Ein Urlaub unterm Regenschirm

 

Der Puch 700 von Edith, vollgestopft mit Kletterzeug, Eisbeil, Pickel und Steigeisen, mit Zelt und Luftmatratzen und Daunenschlafsäcken und dem Essen für vier Wochen, denn wir sind nicht mehr die mittellosen Bergzigeuner von ehedem sondern avanciert, Ediths Puch also hat uns in die Berchtesgadner Alpen gebracht. An einem lauen, schönen Sommerabend sitzen wir vor einem Almwirtshaus in Scharitzkehl. Anheimelnd ist die Veranda mit dem breiten Dach, das von braunen, schweren Balken getragen wird. Und über dem Berchtesgadner Land nimmt der Tag rot und golden Abschied.

Dann ist es dunkel und wir gehen hinein in das Tal, gegen die Westwand des Hohen Göll. Schwer ist der Duft der Wiesen, jetzt im hohen Sommer. Die Bäume stehen da wie eine dunkle Mauer; und drunten im Talgrund plaudert das Wasser; es erzählt von der Wand, aus der es kommt, von den tausend Metern Fels dort hinter dem schweigenden Wald, denen unsere Sehnsucht gilt. Wir stellen das Zelt an den Waldrand, kriechen hinein, ziehen den Reißverschluss zu und sind wieder einmal daheim.

Bequem ist der Zustieg am nächsten Morgen, kein verschlafenes Stolpern über Wurzeln und Schutt. Wir gehen über eine asphaltierte Straße. Das sind die Überbleibsel eines tausendjährigen Reiches, das allerdings nach zwölf Jahren schon am Ende war. Glücklicherweise war die Göll-West für die damaligen Machthaber nicht wichtig; dort werden wir keinen Asphalt haben. Zwei Bergsteiger gehen gemeinsam mit uns zum Fuß der Wand. Beim Anseilen kommen wir ins Gespräch. Sie wollen die Alte Westwand machen. Da werden wir ein Stück gemeinsam gehen. Im unteren Teil der Wand finden wir keine Schwierigkeiten; Schrofenbänder, blanker Fels dazwischen, feudale Standplätze, so richtig zum Tratschen.
Woher wir sind, werden wir gefragt.
- Aus Österreich. Wiener Neustadt.
- Ah, kennt Ihr da vielleicht den Guido! Der ist doch Wiener Neustädter.
- Freilich, aber woher kennt denn Ihr den?
- Wir waren einmal am Cevedale beisammen. Mein Freund da ist aus Berchtesgaden; ich komme aus Bonn ...
- Wie, aus Bonn! Kennen Sie da den Dr. F. Den habe ich im Wetterstein getroffen.
- Ja natürlich kenn ich den. Wir sind doch in der gleichen AV-Sektion.
Die Welt ist ein Dorf, sagt man gern in solchen Fällen. Aber vielleicht ist an dem Wort von der Bergsteigerfamilie doch ein bissl was dran.

Unsere Kameraden haben sich verabschiedet. Sie sind nach links hinaufgestiegen zur Zellerschlucht. Wir müssen nach rechts. Dort wartet das schwierige Mittelstück der Wand auf uns. Diesen Riegel muss man knacken, um in den Trichter zu kommen, in jene überdimensionale Regentraufe, unten sichelförmig abgebogen, oben breit ausladend gegen die Schrofen der Gipfelzone. Rings um den Ansatz des Trichters ist glatter Fels. Und durch diese Glätte zieht eine haarfeine Linie auf dem Anstiegsbild, das ich gegenwärtig in meiner Hosentasche zerknittere. Nun gilt es, diese Linie in die Wirklichkeit zu zeichnen. Wieder einmal bin ich mit meiner Gefährtin allein in einer großen Wand. Das Gelände ist noch nicht schwierig; ich transportiere als Kuli die Ausrüstung; Edith steigt voran. Es ist eine Freude, ihren sparsamen, gleichmäßigen Bewegungen zuzusehen. Wir reden nicht viel. Präzise spulen sich die Seillängen ab.
In einer kleinen Höhle halten wir an. Sie ist in den Grund jener Verschneidung gesprengt, die nach links zum oberen Teil der Zellerschlucht führt. Rechts von dieser Höhle setzt ein Riss an; unser Weiterweg, die erste Fünfer-Seillänge, der noch etliche folgen werden. Ich hänge das Seil in den ersten Haken, kontrolliere noch einmal die Knoten der Brustschlingen und das Eisenzeugs daran; dann geht’s los. Und ich bin noch keine fünf Meter geklettert, da spüre ich sie wieder: diese wilde Freude am Steigen. Ein Karabiner federt in eine Hakenöse; das Seil dehnt sich knisternd im Zug. Die Finger schließen sich fest um den nächsten Griff. Der Körper spannt sich, ruckt höher; man weiß nicht, sind es die Arme, die ziehen, sind es die Beine, an die glatte Wand gestemmt. Der ganze Körper scheint zu Armen und Beinen geworden zu sein. Alles an mir klettert. Nun bin ich über dem Haken; das Seil wird schlaff, kommt locker nach; ich brauche kein Kommando, kein Wort; die Gefährtin drunten auf ihrem Standplatz denkt meine Bewegungen voraus. Da ist der nächste Griff, der nächste Tritt, der nächste Haken. Ich grabe den zweiten Strang des Doppelseiles aus dem Wust an Eisen und Reepschnüren an meiner Brust. Schnapp, macht der Karabiner; und fast gleichzeitig strafft sich das Seil. Ich spüre den kraftvollen Zug und lehne mich einen Augenblick lang bequem dagegen. Schön ist diese Arbeit im Gleichtakt unserer Bewegungen. Es ist ein Lust zu leben! Nein, dieser Riss wird uns nicht aufhalten. Er gibt mir nur das Gefühl ruhiger Sicherheit.
Über dem Riss ist ein großer Block von der Wand abgesprengt. In diesem Spalt zwischen Block und Wand klettere ich nun. Nichts beengt hier. Man hat gute Griffe und viel Luft unter den Sohlen. An der Oberkante des Blockes queren wir waagrecht, bis die Wand glatt vor uns abbricht. Von hier sehen wir bis zum Einstieg hinunter. Und zwölf Meter weiter drüben setzt der Trichter an; zwölf Meter, die man erst schaffen muss, im Seilquergang. Die Klettertechnik des Seilquerganges ist in jedem Kletterlehrbuch ausführlich beschrieben. Aber wenn man über etwas so viele Worte machen muss, ist das schon einmal verdächtig. Das Prinzip ist freilich klar: Unter Ausnutzung eines schräg nach oben verlaufenden Seilzuges quert man wie ein Perpendikel an der glatten Wand. Soweit die Theorie! In der Praxis habe ich erst einen solchen Seilquergang gemacht, an der Rax. Man nennt die Rax auch die Mittelschule des Wiener Bergsteigers. Mein damaliger Seilquergang, an der Dachkante im „Weg der Jugend“, war aber alles andere als abiturientenmäßig. Eingewickelt wie ein Rollmops in Traversen- und Sicherungsseil erreichte ich den Standplatz. Der Seilquergang in der Göll-Westwand hat mir daher schon zu Hause, beim Studium der Anstiegsbeschreibung, manche Kummerfalte in die Stirn gegraben. An Ort und Stelle sehe ich allerdings, dass die Sache so arg nicht werden dürfte. Es gibt einige Griffe und Tritte in der Glätte der nächsten Meter. Und vor allem: Es gibt viele Haken.
Ich hänge mich in das Traversenseil; wirklich, das ist der pure Genuss; ausgesetzt und keineswegs übermäßig heikel. Langsam kommt die linke Begrenzungskante des Trichters näher. Noch einmal schnappt ein Karabiner in einen Haken; noch einmal schleichen die Füße vorsichtig am blanken Fels hinüber. Dann taste ich mit der Hand um die Kante und greife direkt in eine Hakenöse; ein Ruck – wir sind im Trichter.
Das heißt: Vorläufig bin nur ich im Trichter. Das Traversenseil hat sich verhängt. Ja, da hilft kein Fluchen und kein Zerren. Brav, wie es im Kletterlehrbuch steht, habe ich den Knoten in die beiden Seilenden gemacht. Und nun klemmt er da drunten am Beginn des Trichters; ich darf also zehn Meter in der glattgewaschenen Rinne hinunterrutschen, um den Strick frei zu machen. Kaum bin ich wieder droben, klemmt das Biest abermals, haargenau an der gleichen Stelle, obwohl nun kein Knoten mehr drin ist. Ergeben trage ich mein Geschick. Beim neuerlichen Hinaufklettern nehme ich den widerspenstigen Strick zwischen die Zähne.
Edith kommt am gespannten Traversenseil rasch zu mir. Eine kurze Strecke noch klettere ich hinauf; dann legt sich der Trichter weit zurück, und wir haben Platz, um Ordnung in unsere Ausrüstung zu bringen. Das ist auch dringend nötig. Über unseren Köpfen wartet ein zehn Meter hoher Überhand, aus drei Blöcken gebildet, die nass, schwarz und glitschig zwischen den Schluchtwänden stecken. Der erste dieser Klemmblöcke ergibt sich leicht; doch der zweite verlangt nach einer speziellen Brutalitätstechnik. Die Fäuste habe ich seitlich in dem Spalt zwischen Block und Schluchtwand verkeilt; die Füße strampeln wild an den Seitenwänden, die hier mit Schmierseife überzogen scheinen. Einen halben Meter muss ich noch erstrampeln, dann habe ich die Oberkante des Blockes erreicht. Und dort wird es sicher einen Griff geben. Der halbe Meter macht sich rar; immer wieder rutschen die Füße und graben wirre Striche in den Gatsch der Seitenwände. Ich keuche und komme mir vor wie ein Rennpferd in der Zielgeraden. Dieser verdammte halbe Meter: Was gäbe ich jetzt darum, wenn ich ein bisschen größer wäre. Endlich finde ich einen kleinen trockenen Fleck, auf dem man zur Not anspreizen kann. Ein Ruck, ich hebe die Nase über den Block, und – da ist nichts. Kein Griff! Glätte, wohin man schaut. Erst dort hinten, wo der dritte Klemmblock ansetzt, dort gibt es wieder Haltepunkt. Ich bin sehr überrascht; meine Vorgänger hier hatten doch auch keine Affenarme. Also wie, um Gotteswillen, haben sie das gemacht!? Inzwischen habe ich meine prekäre Lage vergessen und beginne zu rutschen. Das macht mich wieder aktiv; eine wilde Schlacht folgt, und wie ich sie geschlagen habe, weiß ich hinterher nicht mehr so recht. Ich quetsche mich glücklich in das Loch, das der dritte Klemmblock mit der Trichterwand bildet. Eine erstaunlich geräumige Höhle nimmt mich auf. Kann man diesen Block vielleicht unterkriechen? Ich robbe weiter ins Dunkel; bald stecke ich aber fest. Diese gute Idee war also eine Schnapsidee. Der Rückzug aus dem Loch wird dramatisch; ich will um alles in der Welt nicht wieder über den zweiten Klemmblock hinunter rutschen. Eine Perlonschlinge, hinter einem eingeklemmten Stein durchgefädelt, löst auch dieses Problem. Ich quere nach links und habe gewonnen.
Der Weg zum Gipfel ist nur mehr lang. Die Schwierigkeiten sind zu Ende, wenn man erst einmal den Schrofenkessel erreicht hat, mit dem sich der Trichter nach oben hin öffnet. Glühend heizt die Sonne, und die Wärme widerstrahlt von den hellen Kalkplatten. Eine mächtige Verschneidung nimmt uns auf; wohl acht Seillängen fester und rauer Fels. Man könnte dieses Teilstück sicher umgehen und weiter zur Höhe trotten, schimpfend über die Hitze und das lockere Geröll unter den müde gewordenen Füßen. Wir ziehen die Verschneidung vor. Sie verspricht Abwechslung, schöne Kletterei, vor allem aber Kühle. Ihre steile, linksseitige Begrenzungswand wirft schon dunkle Schatten auf den hellen Kalk.
Rot und golden liegt die Sonne auf den Rasenpolstern, als wir noch vor dem Ausstieg aus unserer Wand hinüber queren zum Wilden Freithof, über den wir zum Purtschellerhaus absteigen werden. Auf den Gipfel verzichten wir gerne, wenn wir dafür ein weiches Nachtlager eintauschen. Die Steine auf der Göll-Leiten sind eine harte Realität. Sie würden die Romantik einer Biwaknacht sicher nicht unwesentlich beeinträchtigen.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, sind wir wieder in Scharitzkehl. Unser Auto steht hier unbeeindruckt von dem Trubel, der sich ringsum entfaltet hat. Duftige Sommerblusen gibt es da und mächtige Sonnenbrillen, hinauf gewendet zu der Wand, von der wir kommen. Doch schon gestern Abend haben hier zwei Menschen hinauf geschaut, während wir droben aus der Wand gestiegen sind. An der Windschutzscheibe unseres Autos finden wir einen kleinen Zettel: Mit einem abgebrannten Zündholz ist drauf geschrieben: Wir gratulieren. Bonn und BGD.
Über diesen Zettel freuen wir uns wie die Kinder. Da trifft man zwei Menschen am Einstieg einer Wand, geht ein Stück mit ihnen und sagt dann "Auf Wiedersehen". Natürlich wünscht man sich das, aber wer weiß, die Welt ist groß und Berge gibt es viele. Und dann kommen die beiden zurück von ihrer Fahrt. Sie schauen noch einmal hinauf zu dem Berg, der sie und uns verbindet. Und setzen sich hin, und malen das "Wir gratulieren" auf einen Zettel.
So einfach ist das. Ein kleiner Zettel genügt. Und wenn du keinen Bleistift hast, dann nimmt ein abgebranntes Zündholz ...

 

Bernina

Auf dem Campingplatz in Pontresina macht ein Suppenwürfelerzeuger Reklame:
- Heißer Buillon, meine Damen und Herren. Wenn sie ein Kesseli mitbringen, bekommen sie ganz koschtelos heißen Buillon von der Firma Maatschi. Heißer Buillon, kommen sie, kommen sie.
Edith kommt. Das "Kesseli" ist der größte Topf aus unserem Kochgeschirr. Auf die Frage, wieviele hungrige Mäuler sie denn zu versorgen habe, sagt sie: Sechs!
Wir zwei löffeln dann auch für sechs. Es schmeckt herrlich, so wunderbar "koschtelos". Und der Piz Palü schaut uns in den Suppenhäfen, eisig, weiß und schweigsam.
Hier in der Schweiz sind wir ganz auf Sparsamkeit eingestellt. Unsere Berninawünsche sind recht umfangreich; reziprok dazu verhält sich das Urlaubsbudget. Und doch verbummeln wir einen ganzen Tag in Pontresina. Zwei Schlechtwettertage haben die Berge über dem Morteratschtal in ein milchiges Weiß aus Neuschnee und Nebel getaucht. Wir können uns also dieses dolce far niente eines Rasttages also leisten. Dort droben ist noch nicht viel zu machen. Aber hier vor unserem Zelt beginnt der schöne, alte Wald, für den man nicht genug Superlative finden kann. Wir schlendern durch das nasse Gras; wir stehen unter tropfenden Bäumen; wir leben wieder einmal, und das im Tal ...

Die Diavolezza-Seilbahn kostet Geld. Also schweben nur Edith und drei Rucksäcke mit ihr zu Höhe. Ich gehe zu Fuß. Und ich habe den besseren Teil. Eine Zigarette lang sitze ich am Diavolezza-See. Ein Leben mit der Technik könnte ganz schön sein, wenn man nur zwischendurch von ihr auch einmal ausrasten dürfte.
Bevor es Abend wird, steht unser Zelt am Persgletscher. Wir haben es zwischen dem Moränenkamm und dem Berghang aufgeschlagen. Edith ist mit diesem Platz nicht einverstanden:
- Was, wenn ein Regen kommt. Das schaut hier aus wie ein Bachbett.
Ich beruhige sie:
- Hier gibt’s vielleicht im Frühjahr Wasser, wenn der Schnee aus den Hängen schmilzt. Lass mich nur machen. Und dann lass den Regen kommen.
Am nächsten Morgen ist kein Regen da. Es ist drückend heiß. Und wir sind faul. Den Frühstückstee trinken wir um neun Uhr am Vormittag. Der Blick auf den Morteratsch, aus dem Schlafsack heraus, weckt unseren alpinen Ehrgeiz für diesen Tag auch nicht. Zudem liegt da droben noch immer furchtbar viel Neuschnee. Wenige Schritte von unserem Zelt entfernt haben wir einen kleinen See entdeckt. Eisig kalt und klar ist das Wasser. Wir plantschen darin und spielen wie zwei junge Hunde. Manche der ernsthaften Bergsteiger, die da droben auf dem Moränenkamm unterwegs sind zur Isla Persa, jenem dunklen Felsfleck inmitten des Gletschers, der das bevorzugte Ziel der Diavolezza-Gäste zu sein scheint, bleiben stehen und schauen uns zu. Vielleicht missbilligen sie unseren Badetag am Gletscher; vielleicht sind sie auch nur neidisch, weil sie an diesem stickig heißen Tag in ihrer Lodenkluft schwitzen und wir nicht. Wenn aber der Gletscherwurm droben auf dem Moränenkamm auftaucht, vergessen sogar wir aufs Baden. Wie ein Tausendfüßler krabbelt die Menschenschlange dort droben über dem Kamm, an der Spitze ein Bergführer, der diese Masse an Seilbahngästen in Hosenröcken und Shorts und Überfall-Knickerbockers und bepackt mit Handtäschchen und Jausensackerln zum Abenteuer Berg bringt. Im Grunde aber ist unser Spott, das spüren wir, nicht so recht am Platz. Viele dieser Menschen werden sich vielleicht ein Leben lang an diesen Tag auf dem Gletscher erinnern, und wie ein Mensch das Glück findet, sollte man schon ihm selber überlassen.
Schwül ist der Abend; nur ungern kriechen wir in die warmen Daunen-Schlafsäcke. Lange noch liege ich wach und denke an morgen. Morgen, das heißt: Cambrena-Eisnase, unsere erste Eistour, denn die Winter-Klettereien an unseren Hausbergen einschließlich eine Eistages am Gaisloch auf der Rax, die zählen wir nicht so recht dazu. Dass ich nicht einschlafen kann, ist also nicht nur durch die üppigen Rasttage in Pontresina und hier am Gletscher erklärbar. Mitten in meine schlaflosen Gedanken hinein beginnt es zu regnen. Und im monotonen Getrommel des Wassers schlafe ich dann doch irgendwann einmal ein.
Um fünf Uhr früh weckt mich Ediths Schrei: Das Wasser!
Schlaftrunken rutsche ich von der Luftmatratze und sitze im Nassen. Fast eine Handbreit hoch steht der Himmelssegen im Zelt. Der Gummiboden ist also dicht. Als ich den Eingang aufreiße, plätschert davor ein bewegter Tümpel, in dem unser Kocher und unsere Schuhe schwimmen. Edith ist schon beim Packen und erinnert mich nicht an meine großen Worte von vorgestern. Wir reißen das Zelt ab und werfen unser Zeug hinein. Dann schleppen wir dieses 70-Kilo-Bündel keuchend den steilen Hang hinauf, bis wir hundertfünfzig Meter über dem Gletscher einen ebenen Platz finden. Es braucht den ganzen Vormittag, bis wir unsere Sachen ausgewrungen und wieder etwas Ordnung in das Chaos gebracht haben. Knapp vor Mittag hört es auf zu regnen und die Sonne blinzelt zaghaft durchs Gewölk. Wir spannen unser Seil zwischen dem Zelt und einem Pickel und behängen es mit unseren Klamotten. Die Daunensäcke sind glücklicher Weise trocken geblieben. Und auch der Meta-Brenner funktioniert noch. Er war schon in den Fahrtenrucksack gepackt und blieb dort von der Sintflut verschont. Der Benzinkocher hingegen ist rettungslos abgesoffen. Was tut’s; wir liegen in den Schlafsäcken und kochen Tee in Viertelliter-Portionen. Allmählich beruhigen wir uns wieder.
Eines ist klar: Morgen müssen wir losziehen, wenn wir nicht ganz erfolglos bleibenwollen. Gestern, an dem freiwilligen Rasttag, haben wir ein gewaltiges Loch in unsere Vorräte geschlagen. Und dieses erzwungene Nichtstun heute bessert die Lage in der Speisekammer auch nicht. Es bleibt uns nicht mehr viel für morgen. Hoffentlich wird das Wetter schön.

Das Wetter anderntags ist so ein undefinierbares Zwischendurch, nicht wirklich schlecht, aber auch keineswegs gut. Wir zögern mit dem Aufbruch. Um halbsieben Uhr früh sehen wir die ersten Seilschaften auf den Piz Palü steigen. Die Gipfel stecken zwar noch immer im Nebel. Aber wir werden eine schöne Abstiegsspur finden, wenn wir vom Cambrena kommen. Das gibt den Ausschlag. Wir gehen los.
Um Zeit zu sparen, steigen wir direkt über den oberen Persfirn an. Hier gibt es Spalten; und manche davon sind zugedeckt. An jenem heißen Badetag vorgestern habe ich mir aber eine mögliche Spur zurecht gelegt. Das funktioniert nun wie am Schnürl. Und während wir geschickt durch die Klüfte lavieren, bewundere ich mich außerordentlich. Dabei vergesse ich leider, dass man keinen Tag vor dem Abend loben soll und plumpse in eine verschneite Spalte, die mit Eiswasser bis zum Rand angefüllt ist. Wie ein Blitz bin ich wieder heraußen. Aber die Beine sind nass bis über die Knie; die Socken und Schuhe gleichen Badeschwämmen. Ich verlasse mich auf meinen Kreislauf und stapfe weiter. Die Bindung der Steigeisen schnürt die Füße ab. Der Neuschnee, durch den ich wate, ist auch nicht geheizt. Und während wir uns auf dem flachen oberen Teil des Gletschers durch den tiefen Schnee plagen, habe ich anstelle der Füße nur noch zwei fühllose Klumpen. Wir halten an und kramen den Biwaksack heraus. Ich beginne mit der Fußmassage. Bald laufen die Ameisen durch meine Zehen und beruhigt ziehe ich die eisig nassen Socken wieder an. Bevor ich aber die Schuhe und die Steigeisen wieder angelegt habe, ist die Blutzirkulation schon wieder auf Sparverbrauch gesunken. So geht das nicht. Wir haben’s hoch am Vormittag und sind noch immer weit unterm Einstieg. Die Palü-Stürmer von heute früh sind auch schon wieder im Abstieg, ohne ihren Gipfel erreicht zu haben. Dort droben in der Nebelzone dürfte ein arger Wind wehen. Glücklicher Weise wird nun das Wetter auch bei uns herunten immer schlechter. Das erleichtert etwas den Entschluss, der gefasst werden muss.
Über die Fuorcla d’Arlas gehen wir zurück. Sobald ich mit den Schuhen aus dem nasskalten Schnee draußen bin und die Steigeisen abgelegt habe, besinnt sich auch mein Organismus darauf, dass er eigentlich trainiert sein sollte. Wir steigen noch auf den Piz Trovat; ein Dreitausender, gewiss; aber hier herauf kommen auch die Gäste der Diavolezza-Bahn mit Halbschuhen. Und mir tun die Füße weh, als hätte ich sie mir an einem zünftigen Himalaja-Riesen angefroren.
Nach unserem 'Sieg' über den Piz Trovat kehren wir zum Zelt zurück, packen und expedieren drei Riesenrucksäcke mit der Seilbahn ins Tal. Wir laufen durch den beginnenden Regen hinterher. Und was bleibt, ist ein Sonnenbrand von einem Rasttag am Persfirn.
Man muss sich jeden Aberglauben so zurecht machen, wie man ihn braucht. Wenn unsere Diavolezza-Tage die Generalprobe für die Bernina waren, und diese Generalprobe war ja wohl verpatzt genug, dann muss die Premiere im Tschierva-Kessel also zu einem Erfolg werden!

In Pontresina, das wir ja nun schon kennen, treffen wir Freunde aus St. Pölten. Wir sind hier verabredet. Droben bei der Tschiervahütte soll es ein Zeltlager geben: Niederösterreich im Gebirg! Also schleppen wir nach einem weiteren Schlechtwetter-Rasttag unsere Mulilasten durch das Val Roseg hinein in die Berge. Das Wetter ist heute ganz wonniglich. Die Sonne lacht aus einem blauen Himmel; kleine Wolkenfische schwimmen darin, damit auch unsere Fotografen eine Freud’ haben; weiß und silbern glänzt es von den Bergen, deren Namen – Corvatsch, Capütschin, Glühschaint – auf der Zunge schmecken wie der schwere, dunkle, rote Wein aus dem Engadin. Und der Wald an den Hängen steht frisch und grün und duftend – aber gestern hat’s geregnet im Tal; will heißen, droben hat’s geschneit. Und wir haben wenig Erfahrung mit verschneiten Gletschern. Die Rucksackriemen schneiden in die Schultern; und die ganze Bergsteigerei soll der Teufel holen.
Zehn Uhr abends wird es, bis wir den Gepäcktransport hinter uns haben. Die Zelte stehen vor einer ergreifenden Landschaft. Auf den Kochern summt das Teewasser; leise klingt ein Lied. Es ist schön, dass wir hier zusammen sind. Und morgen können wir lange schlafen.

Der nächste Tag bringt neue Freunde und neue Zelte; zwölf sind es nun geworden. Und zu Mittag gehen wir vier, Edith, Rudi, Fritz und ich hinauf zum Piz Umur, der nach dem Führer von Walter Flaig auch an einem halben Tag zu machen ist. Der Weg führt uns zunächst an der Tschiervahütte vorbei. Und da hupft ein Mandl vor uns auf, der Hüttenwirt, wie wir später erfahren, und bombadiert uns mit Schweizer Freundlichkeiten:

- Die Zelte da unten müssen weg. Innert vierundzwanzig Stunden seid ihr fort, oder ich hole die Polizei.
- Ja, natürlich, gebe ich zurück, die Zelte müssen fort.
Verblüfft über meine Bereitwilligkeit schaut er mir misstrauisch ins Gesicht.
- Das ist kein Scherz; sie müssen weg, verstanden?!
- Gut, ist ja gut; ich habe verstanden.
- Innert vierundzwanzig Stunden, sag ich!
- Gut, ja, gut!

Jetzt möchte ich einmal auf den Piz Umur. Alles andere wird sich finden. Schnell steige ich den Freunden nach. Während wir über das Eis des Tschierva-Gletschers unserem Berg zustreben, kommt unser Häuptling Herwig Riedl zur Hütte. Einen ganzen Nachmittag braucht er zwar. Aber dem Wiener Charme waren auf Dauer ja nicht einmal die Moskauer Befreier gewachsen. Am Abend ist der wackere Eidgenosse weich, mürbe und breit geklopft. Wir dürfen bleiben.
Inzwischen klettern wir vier auf dem Umur. Diese schwarze Felsklotz mitten im weißen Tschierva-Kessel beschert uns eine wunderschöne Kletterei und – Blumen. Ja, es blüht, mitten im Eis. Und wenn man sich so wie ich durch vollkommenes botanisches Nichtwissen auszeichnet, wird man beim Erleben dieses Wunders nicht einmal durch die Suche nach den lateinischen Fachausdrücken gestört. Und noch ein tiefer Eindruck bleibt: Flaig war gut zu Fuß. Wir klettern fast alles ohne Sicherung; nur beim Abstieg zur Scharte zwischen dem Umur und dem Scerscen nehmen wir das Seil, weil an den schattigen Felsen hier noch überall der Schnee pappt. Trotzdem wir uns also sputen, läuft die Zeit und der Schatten unseres Berges drunten auf dem Gletscher wird länger.
Von der Scharte müssen wir hinunter zu einer Spur, die einige gute Menschen heute früh auf ihrem Weg zum Roseg in den Schnee des Gletschers getreten haben. Ein Firnfeld mit einer Randkluft trennt unseren Hang von diesem Gletscher. Edith und ich sind durch das Seil verbunden und gehen voraus. Ich steige in den steilen Firn und rutsche auch schon weg. Edith folgt mir. Viel Sorge habe ich dabei nicht. Selbst wenn unsere Rutschpartie nicht vor der Randkluft zum Stehen kommen sollte: der Hang ist so steil, dass die Oberlippe der Kluft sicher überhängt. Wenn man das Tempo richtig dosiert, wird man im Bogen drüber fliegen. Edith teilt offensichtlich meine Ruhe nicht. Sie hat sich auf den Bauch gedreht und bremst mit den Fingern. Manchmal kann sie sich wirklich fangen, wenn das Seil zwischen uns nicht gespannt ist. Kaum aber liegt sie still, erfolgt der leichte Ruck, dessen Ursache ich bin; und sie rutscht wieder weiter. Schließlich aber wird der nasse Schnee so tief, dass wir beide noch vor der Randkluft zum Stillstand kommen. Sofort schimpft sie los:

- Sag, woran denkst Du eigentlich. Deinetwegen könne wir da unten wohl ruhig das Genick brechen.

Ich versuche, ihr meine Randkluft-Theorie zu erklären, kann sie aber nicht überzeugen:

- Woher weißt Du denn, dass wir über die Spalte fliegen würden? Hast Du das schon einmal ausprobiert?
- Nein; ich hab's gelesen.
- Ha, schmeiß Deine Bücher über die Kluft!
- Schau einmal, das ist doch logisch. Wenn der Hang steil genug ist, reißt das Eis so, dass die Unterlippe des Schrundes praktisch direkt unter der Oberlippe liegt. Du brauchst nur genug Schwung, dann kannst Du gar nicht rein fallen.

Aber nein; sie will lieber abklettern. Rudi und Fritz kommen nach, ohne Rutschen, weil sie nach unserem kleinen Abenteuer die Steigeisen angezogen haben. Auch die beiden Freunde trauen meiner literarischen Eistechnik nicht. Ich sichere also alle drei über die Kluft. Dann mache ich die Probe aufs Exempel. Fünfzehn Meter Anlauf gönne ich mir, sause mit Schwung über die Spalte und schlage mit Getöse ein mächtiges Loch in den Schnee des Gletschers. Freilich liegt die Unterlippe der Randkluft unter der Oberlippe aber auch zwei Meter tiefer. Und mein Hinterende ist nicht begeistert über diese brutale Art des Abstiegs. Aber ich habe recht behalten. Und ein stolzer Sieger hinkt vom Schauplatz seiner Heldentat nach Hause, während es langsam Abend wird.

Die folgende Nacht hat noch gar nicht recht begonnen, da ist sie auch schon wieder zu Ende. Um zwei Uhr früh scheppert der Wecker. Bis dreiviertel nach vier rätseln wir allerdings, ob wir losgehen sollen. Alle wurln zwischen den Zelten rum, tauschen Wettervorhersagen aus, steigen in Teehäfen, auf Rucksäcke, Steigeisen und Pickel. Schließlich lösen wir uns aus diesem Knäul und dann sind wir beide, Edith und ich, allein auf dem Weg zur Eisnase am Pic Scerscen. Schweigend queren wir den Tschierva-Gletscher. Den Weg bis zum Einstieg kennen wir von unserer gestrigen Umur-Überschreitung. Das ist ein großer Vorteil; wir sparen Zeit und Zeit ist knapp.
Auf den Scersen über die Eisnase, das ist eine klassische Bergfahrt. Güßfeld hat diesen Anstieg mit seinem Führer Grass im Jahre 1877 eröffnet. Von der Scharte zwischen Piz Umur und Piz Scerscen sind sie einem felsigen Grat gefolgt. Dort, wo sich dieser Grat im Eis verliert, wartet die Schlüsselstelle: eben die Eisnase. Das Gipfeleis des Scerscen schiebt seine Masse über den felsigen Unterbau. Am Grat wird sie geknickt, aufgespalten und zerrissen. So donnern von Zeit zu Zeit einige Tonnen Eis in den Tschierva-Kessel hinunter. Und übrig bleibt ein geforener Schnabel, bald mehr, bald weniger steil, wie es der Zufall will. Diesen Schnabel muss man überwinden um in die Spaltenzone zu kommen, die zum Gipfelhang des Scerscen führt. Wenn man schließlich auch das Steileis dieser Wand überwunden hat und auf dem Gipfel des Scerscen steht, dann ist diese Bergfahrt noch lange nicht zu Ende. Der Scerscen ist von keiner Seite her leicht zu erreichen. Meist macht man heute den Übergang zur Spalla des Bernina, ein langer, wilder Grat, der bei Neuschnee sehr heikel werden kann. Die Erstersteiger Grass und Güßfeld sind über die Eisnase wieder abgestiegen; und sie haben damit eine Tat gesetzt, deren Kühnheit auch ein Epigone im 20. Jahrhundert bewehrt mit Zwölfzackern und Perloseil bewundern kann.

Wir haben die Einstiegsfelsen erreicht. Droben, im firnigen Zwischenstück des Grates, sehen wir eine Seilschaft an der Arbeit. Das beruhigt ein bißchen. Wir werden also Spuren haben und können uns vielleicht einiges an Gedankenarbeit sparen. Zunächst gehen wir in den Felsen des Einstieges nach meiner Nase. Das kostet einen Haken und zwei Stunden Zeit. Den Haken könnte man verschmerzen. Aber die verlorene Zeit! Um neun Uhr erst sind wir auf dem Firngrat. Das ist wie eine Peitsche: hastige Blicke auf die Uhr, während die Hände das Seil straffen und die Gefährtin nachsteigt, so rasch wie möglich, ohne viel auf Sicherheit zu achten. Was ich in den verschneiten Felsen an Minuten zurücklasse, weil ich vorsichtig sein muss, weil ich nicht stürzen darf, das hat sie wieder einzubringen. Sie tritt Blöcke aus dem Schnee, macht Klimmzüge an Platten, die bedenklich knirschen, wenn man sie belastet. Keinen Aufenthalt; höher kommen heißt's. Noch einmal müssen wir für wenige Seillängen in den Fels. Ekelhaft, wie der Neuschnee überall dranpappt. Dazwischen Eis! Soll man die Steigeisen anziehen? Es gibt immerhin Stellen des dritten Schwierigkeitsgrades. Schließlich erreichen wir eine Firnterrasse unter der Eisnase. Das Wetter ist schlechter geworden. Über dem steilen Eisabbruch hängt bereits der Nebel. Und ein heftiger Wind zerrt an unseren Dralon-Jacken. Trotzdem machen wir weiter. Die Stapfen unserer Vorgänger ziehen schnurgerade zur schwächsten Stelle der Nase. Ein Spalt ist hier in die weiße Mauer gesprengt. Mit den Tagen, vielleicht mit den Wochen, wird er breiter und breiter werden. Und dann wird irgendwann die ganze Ladung, die links über den Tschierva-Gletscher hinaushängt, abreißen und mit Getöse in den Kessel hinunterfahren. Vorerst aber ist der Spalt sicher. Und er macht die Eisnase problemlos. Zwei Schrauben drehe ich in die rillige Fläche; dann kann ich in dem Spalt Fuß fassen. Dieser Teil der Partie ist gewonnen.
Über der Eisnase legt sich der Hang ein wenig zurück. Und hier stecken wir hoffnungslos in den Wolken. Die Erwartungen, die wir an unsere Vorgänger und deren Spuren geknüpft haben, erfüllen sich leider nicht. Der Westwind treibt pulvrigen Schnee über die Berge und deckt alle Stapfen zu. Wir müssen selber durch die Spalten finden, um das Gipfeleisfeld zu erreichen. Meist können wir die halbverschneiten Klüfte umgehen. Dann aber durchreißt ein weiter Spalt mit steiler Oberlippe den Schnee. Er verliert sich nach rechts und links im Nebel. Ich erkläre ihn zur Randkluft. Das könnte ganz gut stimmen nach der Zeit, die wir bis hierher unterwegs waren. Außerdem erspart uns diese Annahme, am diesseitiogen Ufer auf- und abzuschleichen und ein Ende des Spalts zu suchen. Wenn das wirklich die Randkluft ist, wird sie das ganze Gipfeldach unseres Berges einsäumen. Wir können genausogut hier den Übergang versuchen.
Ich nehme den Pickel von Edith und gebe ihr mein kurzes Eisbeil. Sie sichert mich, während ich mich in den Schwimmschnee hineinwühle. Bis zur Brust sinke ich ein, aber auch nicht weiter. Gut, das da trägt also. Was aber, wenn ich von der Oberlippe der Kluft in diese weiße Masse hinein plumpse; wird es dann nicht weitergehen ins Dunkel! Das versucht man besser nicht. Ich habe die Andeutung einer Schneerampe entdeckt und krieche sie auf allen Vieren schräg nach links hinauf. Die Sache ist derart banal gefährlich, dass mir graust. Wenn ich tatsächlich in dem weissen Meer verschwinde, dann frage ich mich schon, wer mich da wieder heraus buddeln soll. Es werden sicher einige Kubikmeter Schnee nachrutschen.
Ich richte mich kurz auf und stoße den Pickelschaft in die grundlose Weiche über mir. Das Aufrichten hat genügt; sofort sinke ich ein; vielleicht geht auch die Rampe ab; was weiß ich; ich sehe schon längst nichts mehr in diesem Wind, der mir den Schnee kübelweise ins Gesicht bläst. Der Pickel ist das einzig Greifbare. Ich ziehe an; er hält; und ich bin über der Kluft. Ein kurzes Stück steige ich weiter in dem steiler werdenden Hang. Dann ziehe ich das Seil ein. Edith kommt nach. Und während sie in dem senkrechten Schneemeer nach oben strampelt, male ich mir aus, wie ich diese Minuten daheim erzählen werde, in unserem Klublokal.

Das warme Wasser der Zentralheizung singt hinter meinem Rücken, den ich an die Holzverschalung gelehnt habe. Vorsichtig nehme ich einen Schluck aus der Kaffeetasse; ein Zug an der Zigarette; dann:
- Die Verhältnisse? Ja, die waren schlecht.
Wieder ein Schluck heisser Kaffee!
- Ziemlich schlecht, kann man sagen. Hm!

Es ist nicht schwer, den Mann von Welt zu spielen, mit einer warmen Heizung im Rücken. Edith ist nun bei mir; und wir sind im Gipfelhang. Der Wind hat weiter zugenommen. Manchmal reißt er die Wolken auf. Grellweiß ist dann das Streulicht der Sonne in den Schneefahnen, die uns ohne Unterbrechung zuwehen. Die Firnauflage wird immer dünner, je mehr der Hang aufsteilt. Darunter ist hartes Eis, mit dem ich noch nie gut umgehen konnte. Um nicht Stufen zu hacken wie Güßfeld im 19. Jahrhundert entwickle ich eine Art Streckstütz-Methode. Möglichst hoch droben klopfe ich den Eisstichel in den Hang. Ein kräftiger Zug; die Füße treten ein bisschen mit, bis der Stichel in Hüfthöhe ist. Dann schlage ich das Beil ins Eis, ziehe den Stichel heraus und das Spiel beginnt von vorn. Zwischendurch haue ich auch mit dem Eisbeil auf meine Finger. Zwischendurch löst sich das rechte Steigeisen, und ich darf zwei ordentliche Stufen meißeln, um das wieder in Ordnung zu bringen. Zwischendurch erreichen wir auch einmal den Gipfelgrat.

Unsere Vorgänger warten hier im Windschatten. Ohne Säumen gehen wir nun zu viert den Grat an, der uns zur Spalla des Piz Bernina hinüberbringen soll. Hüfttief liegt an den Leeseiten der Neuschnee. Eine Firnschneide nehme ich im Reitsitz. Der Sturm treibt das Seil im Bogen hinaus über die Leere. Und es gibt auch Sonne, wenngleich sehr sparsam. Eien wilde und schöne Welt ist das. Aber man muss vorsichtig sein, langsam gehen, jeden Griff überlegen. Es wird einem nichts geschenkt in dieser wilden und schönen Welt.
Am späten Nachmittag erreichen wir die Scharte zwischen Scerscen-Ostgrat und der Bernina-Schulter. Ein imponierender Eishang leitet hinauf zu den Felsen der Spalla. Dieser Hang beeindruckt auch unsere beiden deutschen Gefährten, die im Eis anscheinend wesentlich mehr Erfahrung haben als wir. Sie wollen es zunächst einmal an der Stirnkante des Hanges versuchen, dort, wo er zu unserem Grat abbricht. Hat man dabei auch zehn steile Meter zu überwinden, so bleibt einem danach der Hang erspart, denn ein bequemer Firngrat leitet über dem Abbruch zu den Felsen. Ich setze mich wie in einer Loge zurecht und schaue ungerührt zu. Der Erste hängt an dem vermaledeiten Abbruch. Zwei Eisschrauben hat er schon angebracht. Nun fasst seine Hand einen runden Buckel. Kann er sich daran aufziehen, hat er wieder einen Meter gewonnen. Aber der Buckel bricht unter seiner Last. Und im Sturz reisst er auch noch die beiden Schrauben heraus. Das ist eindeutig: Dieser Abbruch ist nicht bloß senkrecht sondern auch morsch. Der Eishang bleibt uns nicht erspart.

Wir steigen ein Stück gegen die italienische Seite ab und queren über eine Rampe in den Hang, der wie in einem Guss abfällt. Doch die Verhältnisse sind hier nicht übel. Wir klettern ohne Stufen. Wie immer im Eis bin ich um den Bauch angeseilt. Eine doppelt genommende Reepschnur habe ich mit einem Karabiner geschlossen. Das Sicherungsseil ist mit einem Spierenstich eingebunden. Man sollte besser sagen: Es war den ganzen Tag lang eingebunden. Denn nun schreit Edith von ihrem Standplatz herauf; und im Hinunterschauen kann ich gerade noch den letzten Zipfel des Seiles erkennen, den sie eben auffängt.

Es ist ganz komisch: Ich weiß ja, dass ich hier, am Seil oder nicht, nicht stürzen darf, weil dann wir beide den ganzen langen Hang nach Italien hinunter fliegen würden; doch nun, wo ich nicht mehr am Seil bin, drehe ich rasch eine Schraube ins Eis, bevor ich anfange mich zu fürchten. Zwei Reepschnüre reichen, um den Ausreisser wieder herauf zu angeln. Ich binde das Seil sorgfältig wieder in den Karabiner, diemal mit einem Bulinknoten, und mache noch einen zusätzlichen Klang als Sicherung.

Bevor wir noch die die Felsen der Spalla erreichen, bricht ein Ring an Ediths Steigeisen. Solche Zwischenfälle halten auf. Unsere beiden Vorgänger sind schon weit voraus. Aber vor dem Spallagrat schließen wir wieder auf. Bald merke ich auch, warum: Die Felsen sind von einer Eisglasur überzogen. Es ist inzwischen dunkel geworden. Und zu allem Überfluss fällt Schnee. Wie der Erste der beiden Deutschen die letzten sechs Meter hinauf zur Gratkante überwindet, nötigt mir ehrlich Bewunderung ab. Wir bekommen ein Seil von oben. Darüber bin ich wirklich froh.

Nun haben wir gewonnen, wie es scheint. Unsere beiden Freunde, von denen wir nicht einmal die Namen wissen, kennen den Abstieg. Das Wetter macht nun richtig ernst. Eisnadeln fegen waagrecht über den Grat. Und aus dem infernalischen Dunkel kracht der Donner. Wir benützen die Drahtseile des versicherten Normalweges nicht gern; sie gleichen wunderbaren Blitzableitern. Of bleibt aber keine andere Wahl, wenn wir weiterkommen wollen. Lange klettern wir so; ich habe jeden Zeitbegriff verloren. Als Schlusslicht unserer Viererseilschaft habe ich nur für ein vages Gefühl von Sicherheit zu sorgen. Den Weg sucht unser Spitzenmann. Wir drei anderen folgen wie Blinde.
Plötzlich stockt das Ganze. Wir halten auf einem ebenen Firngrat. Ringsum fällt das Gelände steil ab. Unser Führer findet den Weg nicht mehr. Der Schein meiner Stirnlampe streift kurz sein Gesicht. Es ist verklebt von Schnee und Eis. Er quält sich, die Augen offen zu halten.
Von Edith gesichert steige ich rechts in die Flanke. Schnee, Eis, dazwischen Felsen. Ist das der Weg? Mein Seil ist aus oder blockiert, ich weiß es nicht. Der Sturm macht jede Verständigung mit den Dreien da droben auf dem Grat unmöglich. Ich versuche, etwas zu sehen, aber das Licht der Lampe ist schon matt und verlischt schließlich. Es ist zwecklos. Wir müssen biwakieren. In fast viertausend Metern Höhe und im Schneesturm. Doch, wir sind sicher, dass wir durchhalten werden. Unsere Ausrüstung ist gut und die unserer Freunde ebenfalls.

Knapp unter dem Grat hacken wir unsere Sitzplätze aus dem Firn. Ich bin wieder einmal zu faul, ordentlich zu arbeiten. An der Ecke unseres Platzes lasse ich einen Buckel stehen. Verdammter Buckel! Er drückt mich die ganze Nacht lang ins Kreuz. Aber als ich die klitschnassen Socken ausgezogen habe und die wohlige Wärme der Reservestrümpfe spüre, bin ich erst recht nicht gewillt, noch einmal in die hart gefrorenen Schuhe zu steigen. Die Nacht vergeht langsam. Wir kochen Tee und tauschen unsere Schalen aus; während auf dem einen Kocher der Schnee schmilzt, trinken wir in köstlichen kleinen Schlückchen zu viert den heissen Tee von anderen Kocher. Unter den steif gefrorenen Jacken haben wir zwar trockene Pullover. Aber die schweissnassen Hemden jagen uns Kälteschauer über den Körper. Mitten in der Nacht hebt Edith einmal den Zeltsack, um Frischluft zu schnappen. Da sieht sie ein Licht. Nun muss auch ich unter der Perlonhaut heraus. Aber ich glaube, dass dieses Licht weit draussen im Tal brennt. Das Wetter hat sich etwas gebessert; wahrscheinlich kann man durch gelegentliche Wolkenlöcher bis ins Tal sehen. Am nächsten Morgen werden wir wissen: Es war das Licht von der Marco e Rosa-Hütte.

Zwar ist der Wind am Morgen noch immer da, und droben am Himmel ziehen die Wolken mit einer Geschwindigkeit, wie sie nur der Sturm verleiht. Aber wir sehen wieder etwas und gelegentlich kommt sogar die Sonne durch. Und wir sehen auch: Der Weiterweg beginnt hier, vor unseren Zehen. Dort, wo ich gestern gesucht habe, dort wäre der rechte Weg gewesen. Wir brauchen eine Stunde, um das hart gefrorene Biwakzeug in die Rucksäcke zu bringen. Und dann brauchen wir noch eine Viertelstunde, um die Hütte zu erreichen.

Dort treffen wir Freunde, die gestern über den Biancograt gekommen sind. Wir haben fast kein Geld und nichts zu essen. Trotzdem wollen wir bleiben, um vielleicht am nächsten Tag über den Weißen Grat in den Tschierva-Kessel abzusteigen. Die Freunde liefern Büchsenfleisch und Brot. Der Hüttenwirt lässt uns zehn Prozent von der Rechnung nach, sodass wir nicht nur übernachten sondern auch zwei Suppen kaufen können.

Am nächsten Morgen ist das Wetter grauslich. Alle Bernina-Kandidaten kehren um. Eine Masse Mensch bewegt sich durch den Buuch nach unten, einen zerrissenen Eisbruch, der uns auf den Persgletscher entlassen wird. In der Mitte des Bruches kommen wir endlich aus dem Nebel, was ein vor uns Gehender gleich dazu nützt, in eine offene Spalte zu fallen; ganz ohne Spaltenbergetechnik, wie einen Kartoffelsack ziehen wir ihn zu fünft mit Horuck wieder heraus. Drunten bei der Bovalhütte lacht sogar die Sonne. Wir sitzen bei einem kleinen Wasserfall und verzehren Eckerlkäs auf süssen Keks. In die Hütte können wir wirklich nicht. Über die Fuorcla Boval gehen wir zurück in den Tschierva-Kessel. Dass wir von der Scharte, im Angesicht unserer Zelte, noch den Piz Tschierva ersteigen, darauf bin ich fast mehr stolz als auf unser Scerscen-Abenteuer. Dort mussten wir durch. Der Piz Tschierva ist freiwillig.