Hochfall mit Baumgartnerturm (Hohe Wand)  

 

 

 
 
 
 
 
 

 
 
Ausstieg ins bürgerliche Dasein – von der Dachstein-Süd zum Hermannskogel (1966)

 


Wien ist eine alpine Stadt, immerhin die einzige auf dieser Welt, in der zwei Erstersteiger von Achttausendern lebten, Herbert Tichy (Cho Oyu) und Fritz Moravec (Gasherbrum); und der mit Abstand größte Bergsteigerverein der Welt, der Deutsche und der Österreichische Alpenverein, wurde hier gegründet.
Der höchste Berg im Weichbild der Stadt, der Hermannskogel, erreicht immerhin die Höhe von fünfhundertdreiundvierzig Metern. Die Kelten sollen auf diesem Gipfel ihren Göttern geopfert haben. Und damals gab es noch keinen Autobus auf den Kobenzl.
An einem Sonntagnachmittag gehen Lilo und ich hinauf durch den sonnigen Hochwald zum keltischen Göttersitz. Wir tragen eine längliche Plastiktasche, in der es quietscht und strampelt. Lilo, dass ich das nachhole, ist seit zwei Jahren meine Frau, und er Inhalt der Plastiktasche ist unsere Tochter. Eigentlich aber hat dieser Sonntagsbummel zum Hermannskogel schon viel früher angefangen.
Sommer 1960: Mit Hartmut, Erich und Dieter sitze ich in der Austriahütte am Dachstein. Wir spielen Karten. Viel anderes kann man bei auch nicht machen bei diesem grauslichen kalten Regen, der an die Scheiben der Hüttenfenster klatscht. Plötzlich öffnet sich die Hüttentür und der Regen spült ein bezopftes Mädchen herein, das fast unter seinem Riesenrucksack verschwindet. Die dunklen Haare kleben unter einem patschnassen Kopftuch. Das arme Wesen tropft an allen Enden. Niemand würde sich wundern, wenn sie sich in einer großen Wasserlache auflöste. Das Mädchen löst sich aber nicht auf sondern krabbelt unter der Regenhaut hervor. Lilo ist zum Dachstein-Rendezvous der Wiener Neustädter AV-Jungmannschaft erschienen.
Während sie allmählich trocknet und so nebenbei eine Exraportion Kaiserschmarrn verzehrt, erzählt sie uns von dem kleinen Umweg, den sie per Autostop über Holland und Belgien hierher gemacht hat. Andere Leute würden sich vielleicht wundern, dass dieses zarte Mädchen allein durch Deutschland, Holland, Belgien und Luxemburg getrampt ist. Wir wundern uns nicht. Ihre Abenteuerlust ist bei uns inzwischen sprichwörtlich. Und verlassen kann man sich auch auf sie. Was sie sich unter einem gegebenen Versprechen vorstellt, hat sie uns erst vor wenigen Monaten demonstriert: Der ganze Haufen war im Weichtalhaus an der Rax verabredet. Lilo hatte auch zugesagt. Dann aber war irgendwas dazwischen gekommen. Am Samstag zu mittag hat sie sich auf ihr Moped gesetzt und ist die drei Stunden von Stockerau ins Weichtal gefahren, nur um uns zu sagen, dass sie nicht kommen könne. Und dann ist sie wieder nach Hause gefahren. Mit Lilo kann man Pferde stehlen, oder Weintrauben in der Wachau, oder durch die Dachstein-Südwand klettern, auf dem Pichlweg.
Wir haben lange genug in der Austriahütte gewartet, beim Bauernschnapsen. Die Mannschaft ist inzwischen vollzählig, das Wetter ist schön geworden. So steigen wir an einem Morgen hinauf über das beinhart gefrorene Schneefeld zum Einstieg. Wir sind zu viert. Lilo wird mit mir gehen. Die zweite Seilschaft bilden Gerhard und Inge. Es ist ein unerhörtes Glück, dass wir vier allein in der Wand sind. Dafür stauen sich drüben am Steinerweg die Massen. Wir aber werden Zeit und Muße haben, unseren Anstieg zu genießen.
Mit der Wegsuche halte ich mich erst gar nicht auf. Pichl war ein Meister im Finden der leichtesten Route durch eine große Wand – die im Steilfels des Dachsteins aber immer noch ein guter Dreier ist – und entsprechend verwickelt ist die Anstiegslinie. Ich habe die Routenbeschreibung nur ein Mal flüchtig durchgelesen und mir dabei vor allem den Einstieg eingeprägt. Wenn ich den richtig finde, so denke ich, muss ich nur der jeweils leichtesten Möglichkeit folgen. Im übrigen bin ich nach dem langen Klettersommer mit Hartmut gut trainiert, und wo ich hinauf komme, werden die anderen drei schon nachkommen.
Die Wand ist groß und schön und wie am Anfang dieses Urlaubes im Gesäuse wandeln wir auch hier auf den Spuren eines Klassikers der Bergsteigerei. Grate, Kanten, Risse und Bänder, so wie sie auftauchen, werden sie genommen. Den berühmten Spreizschritt bei der Buchstelle finde ich zwar nicht. Dafür entdecke ich irgendwo im Gemäuer einen Haken, klettere hinauf und verkünde hinterher, das sei die Schlüsselstelle gewesen. Gut, schwieriger wird es also nicht mehr kommen; wir haben die Wand sozusagen in der Tasche; die Damen und Herren belieben zu rasten.
Im Steinerkamin drüben poltert’s und flucht. Wir sitzen hier friedlich in der Sonne. Die Gefährten lutschen Zuckerln; ich rauche; das ist ein schöner Tag in einer schönen Wand.
Schließlich müssen wir weitermachen. Wir verfolgen die Bänder, die nach rechts zum Ostgrat führen. Leicht und schön ist die Kletterei. Habe ich es nicht gesagt: Diese Wand ist so gut wie durchstiegen.
Am Ende des Bandes wird’s wieder steiler. Das schaut zwar problematisch aus, aber der Pichlweg ist ja nirgends wirklich schwer. Voll Schwung und Vertrauen gehe ich's an. Doch dieser Angriff stockt schon nach wenigen Metern. Unerhört, das Zeug hängt über! Ich stehe auf labilen Tritten und betrachte tiefsinnig meine Schuhe. An ihnen vorbei kann ich mehrere hundert Meter hinunter sehen in den Schuttkessel unter der Dachsteinwarte. Das hier dürfte nicht ganz der Originalweg Pichls sein. Vielleicht bietet die Wand über mir aber Griffe. Man muss es einmal versuchen. Ich schaue hinüber zu den Freunden. Sie sind durch mein Zögern gar nicht beunruhigt. Sie plaudern. Dabei haben sie auf ihrem abschüssigen Band nicht einmal einen Standhaken. Meine gereifte alpine Erfahrung hielt hier eine Standplatzsicherung für überflüssig. Wenn ich jetzt fliege, kann ich mir die Überraschung da drüben lebhaft vorstellen. Zumindest eine Gesprächspartnerin würde die Konferenz zugleich mit mir verlassen.
Ich beschließe, nicht zu fliegen und klettere die Wand bedächtig nach rechts an. Einmal wulstet der Fels noch vor; ich finde aber gute Griffe und steige in eine flache Rinne aus, in der ich mich zur Not verklemmen kann. Einen Standhaken halte ich auch hier für überflüssig.
Lilo bekommt das Signal zum Nachsteigen. Sie tappt eine Weile am Beginn der Wand herum. Ich muntere sie auf:
- Mach weiter; auch das ist nur ein Dreier.
Dabei bin ich sicher, das diese Wandstelle um mindestens einen Grad schwieriger ist. Ich bekomme auch sofort die Quittung für mein forsches Gerede. Lilo geht mit Schwung los und fliegt aus den Griffen. Ich kann sie zwar nicht sehen, aber der Ruck am Seil ist deutlich genug. Meine Schultersicherung, die sakrosankte, hat gehalten.
Lilo ist nach einem beachtlichen Pendler in einer steilen Verschneidung angelangt. Sie muss nun die abdrängende Wand in der Geraden überwinden, was zweifellos noch schwieriger ist. Aber ich ziehe kräftig am Seil und die vierzig Kilo am anderen Ende sind ja wirklich nicht der Rede wert. Nach diesem Zwischenspiel gehört die Wand tatsächlich uns. Knapp über der Dachsteinwarte steigen wir auf den Ostgrat aus. Und am Abend sitzen wir vor der Hütte im lauen Wind, während sich der Mond langsam hinter dicke Wolken schiebt.


In den folgenden Jahren treffe ich meine Partnerin aus der Dachstein-Südwand nur hin und wieder zum gemeinsamen Klettereien an unseren Hausbergen. Während Lilo ihrer Abenteuersehnsucht bei verrückten Schitouren und auf langen Tramps durch ganz Europa stillt, zieht es mich in die Wände. Das Jahr 1964 wird dann für mich zu einem recht unerfreulichen. Die Berge sehe ich meist nur von unten. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Dass der Mensch was arbeiten muss, finde ich ja nicht unerträglich. Aber die Umstellung von vier Monaten Ferien im Jahr auf zwei Wochen Urlaub wird mir schon recht sauer. Zu den wenigen erfreulichen Dingen in diesem Jahr gehören die Briefe, die ich aus England bekomme: von Lilo Pohl, dzt. Richmond, Berwyn Road. Und an einem nebelkalten Dezembertag stehe ich mit drei Roten Rosen am Westbahnhof. Zwei Tage später fahren Lilo und ich auf den Wechsel. Und Sonne und Schnee bilden den Rahmen für ein paar Tage Winterglück ...

 

 
Starparade
 

 

Vor der Dachstein-Süd v.l.nr. stehend: Dieter, Lilo, Ingrid, Kurt Maix, Gerhard, Erich, Klaus;
vorn: Erika, Peter und Hartmut.

Foto: Karl Schirmer

Und ein paar Tage Winterglück (Silvester 1964)